Jahresrückblick 2010

Auf diese Skandalnudeln können wir 2011 verzichten

Sie sind nicht kleinzukriegen und trotzen jeder Kritik: Die beratungs- und erziehungsresistenten Provokateure des Jahres.

Zum Beispiel Lady Gaga. Die 24jährige US-Amerikanerin mit italienischen Wurzeln (aka: Stefania Germanotta) posiert gerne nackt, in Absperrband gehüllt oder in einem Fleischerkleid: Ja, Lady Gaga macht ihrem Namen als Skandalnudel mit Fleischbeilage alle Ehre. Der Mega-Star des Jahres schreckt vor keiner Absurdität («Ja, ich habe männliche und weibliche Genitalien. Ich habe einen kleinen Penis») zurück, um sich die Währung «Aufmerksamkeit» zu sichern.

Und dann wäre ja noch Italiens berühmester Politprotz: Silvio Berlusconi (74). Weil er so viel arbeiten muss, schaut der Ministerpräsident hin und wieder schöne Frauen an und findet das allemal besser, «als schwul zu sein». Die Aufregung über seine Eskapaden kann er eh nicht verstehen. Selbst über die von WikiLeaks veröffentlichten US-Geheimdokumente, in denen der Regierungschef als «eitel und unfähig», kann er nur lachen. Und der Erfolg gibt ihm recht: Keiner konnte den Omnipotenten bisher stürzen. Nach dem Senat sprach ihm am 14. Dezember 2010 auch das Abgeordnetenhaus in Rom das Vertrauen aus.

Dem italienischen Ministerpräsidenten alle Ehre in Sachen Beratungsresistenz macht der Hollywood-Schauspieler Charlie Sheen (45). Der bestbezahlteste Akteur der Welt (pro Folge der Sitcom «Two and a half Men» kassiert er 600 000 Euro) unterbricht im Januar die Dreharbeiten für seine Fernsehserie, um längere Zeit in einer Rehaklinik zu verbringen. Im Sommer eskaliert der Streit mit seiner Frau Brooke Mueller, die geschlagen und betrogen haben soll. Der Sohn von Hollywood-Star Martin Sheen toppt schliesslich alles, als er im Oktober in New Yorks Nobelhotel «Plaza» ein Hotelzimmer demoliert und eine Prostituierte in den Wandschrank sperrt. Schliesslich griff die Polizei den pöbelnden Sheen auf der Strasse auf - und schickt ihn einmal mehr in die Reha zur Läuterung.

Lothar Matthäus (49) bleibt auch nach der vierten Scheidung seinem Beuteschema - jung, dunkelhaarig und publicitysüchtig - treu. Und glaubt dabei doch tatsächlich, was er in Interviews treuherzig verkündet: «Ich bin eigentlich ein einfacher Mann. Liebe ist tausendmal wichtiger als Sex. Ich war viermal topverheiratet,  viermal topverliebt.» Als seine neuste Ex, Möchtegern-Model Liliana, ihn auf einer Yacht öffentlich hörnt, geht er nicht wie jeder normale Mann in eine Bar, um sich zu betrinken, sondern weint sich in der «Bild-Zeitung»über Lilianas Gefall- und Geldsucht aus. Ein Mann, den man 2011 nicht mehr sehen (oder sprechen hören) will. Hope, we have a bit lucky.

Thilo Sarrazin (65), der ehemalige Chef der deutschen Bundesbank und treues Mitglied der SPD, ist mit seinem Buch  «Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen» Dauergast auf den Bestsellerlisten. In dem Werk setzt sich der einstige Berliner Finanzsenator mit der wachsenden Unterschicht und der ansteigenden Zahl islamischer Einwanderer in Deutschland auseinander. Muslime seien unterdurchschnittlich in den Arbeitsmarkt integriert und überdurchschnittlich von Sozialtransfers abhängig; Muslime seien dümmer und vermehrten sich schneller als andere Volksgruppen. Kaum ist das Buch Ende August erschienen, verliert Sarrazin seinen Job und tingelt unbeirrt durch alle relevanten Talkshows im Fernsehen, Leibwächter im Schlepptau.

Die Hockey-Mom Sarah Palin (46) macht 2010 viel von isch reden. Und der ehemaligen Gouverneurin des US-Bundesstaates Alaska und Vize-Präsidentschaftskandidatin der Republikaner 2008 gelingt die Rückkehr aufs politische Parkett. Die Tea-Party-Bewegung bringt ihr Aufmerksamkeit und Wählerstimmen, sie wird bereits als Präsidentschaftskandidatin für 2012 gehandelt. Von ihre Ambitionen getrieben, lässt Palin keinen öffentlichen Auftritt aus, kommentiert sogar beim amerikanischen Sender Fox-TV. Auch mit ihren geografischen Kenntnissen überzuegt sie: Ende November sagt sie ihren «nordkoreanischen Verbündeten» Unterstützung zu.

Bernard Rappaz (57), der Walliser Dauerstreiker und Hanfbauer, isst mittlerweile zwar wieder. Aber seit er im März 2010 seine Gefängnisstrafe wegen Verstössen gegen das Betäubungsmittel angetreten ist, hat er die Steuerzahler nur gekostet. Seine Nahrungsverweigerung und die dazu nötigen Spitalkosten haben sich laut Zeitungsberichten auf 35 000 vermehrt. Hinzu kommen rund 44 000 Franken, die während Rappaz 30-tägigem Hausarrest anfielen. Hinzu kommen Sicherheitskosten von 42 000 Franken. Die Kosten für Rappaz Sonderbehandlung belaufen sich also auf gut 100 0000 Franken. Mehr als doppelt so viel als im normalen Strafvollzug.

Cédric Wermuth (24) ist unbestritten ein Polit-Talent. Der polarisierende Präsident der Jungsozialisten gibt sogar der Mutterpartie den Tarif durch, und sorgt dafür, dass diese zu ideologischen Vokabular zurückgreift. Doch manchmal übertreibt der kleine Marxist aus Eggiwil es ein wenig mit seiner Selbstinszenierung. Gut möglich, dass ihm dies bei den Wahlen 2011 zum Bumerang werden könnte.

Das Trio infernale der Bremgartner SVP, Thomas Lüpold, Andreas Glarner und Gregor Biffiger, hat 2010 allen gezeigt, dass sie den kleinen Macchiavelli verinnerlicht haben. Die drei sind eine Bruderschaft, an der schwer vorbeizukommen ist, und die so manchen altgedienten SVP-Bruder sein Mandat gekostet hat, was die drei natürlich vehement abstreiten, wenn nötig auch mit telefonischen Gepolter.

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