Theaterhaus Tuchlaube

Aron Yeshitila macht Eizellen zu Protagonisten eines Theaterstücks – bei uns erklärt er, warum

Hat sich in der Schweiz als Theatermacher etabliert: Aron Yeshitila (38).

Hat sich in der Schweiz als Theatermacher etabliert: Aron Yeshitila (38).

Beginnt Ungerechtigkeit schon im Uterus? Der äthiopische Theater- und Filmemacher Aron Yeshitila sucht nach einer gerechteren Welt - ohne trennende Unterschiede und Stereotype. Sein Stück «Die Möglichkeiten »feiert am 14.10. im ehemaligen Theaterhaus Tuchlaube Premiere.

Ovi, Ovo und Ova versuchen, die Welt zu verstehen, in die sie noch nicht hineingeboren sind. Eine merkwürdige Aufgabe für drei unbefruchtete Eizellen. In weissen Ganzkörperkostümen stehen sie als Avatare in einem Labor und staunen über die Statistiken, Zahlen und Erklärsätze, welche ihnen Oovion, eine künstliche Intelligenz, über die Welt auf ihren Wunsch hin ausspuckt. Noch frei von festen Weltbildern und Werten, lassen sie sich zögerlich auf die Gefühle ihrer Mutter ein. Und fragen sich, ob es sich lohnt, irgendwann aus dieser Mutter rauszuflutschen und das Abenteuer Leben zu beginnen.

Es ist nicht das erste Mal, dass der seit 2010 in der Schweiz wohnhafte äthiopische Theater- und Filmemacher Aron Yeshitila mit Sci-Fi-Szenarien arbeitet, die wie gesellschaftliche Versuchsanordnungen daherkommen. In seinem an den letzten Solothurner Filmtagen gezeigten Kurzfilm «Dagu» ist eine unabhängige Radiostation in einer fiktiven afrikanischen Diktatur das Zentrum der Handlung. Sie schickt fleissig Geschichten in den Äther.

Das Skurrile daran: Der Sender hat eine Hörerin. «Die Möglichkeiten» stellt nach Yeshitilas Inszenierung «Kings of interest», von der man viel über die Geschichte seines Heimatlandes Äthiopien erfuhr, ganz grundlegend die Frage nach Gerechtigkeit. Und dabei darf’s auch mal so ulkig wie in Woody Allens satirischem Episodenfilm «Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten» zu- und hergehen. Die drei Eier, gespielt von Ntando Cele, Annina Polivka und David Werner unterhalten sich auf Deutsch und Englisch nämlich in lächerlichen weissen Ganzkörperkostümen.

Werden sich die Eier gegenseitig in die Pfanne hauen?

Neben dieser Satire aufs Menschsein im Zellstadium ist sein Stück aber vor allem eine intensive Auseinandersetzung mit der «Theorie der Gerechtigkeit» des US-Amerikaners John Rawls. Der Philosoph war überzeugt, dass die Menschheit nur eine faire Gesellschaftsordnung erschaffen könne, wenn die Regeln des Zusammenlebens beschlossen sind, bevor der Mensch seine Rolle in der Welt kennt.

«Wir haben nach einem Zustand gesucht, in dem man noch nichts darstellt, auch nicht mit seinem Körper. Ein Wesen ohne Identität. Die Eier auf der Bühne sind ja Avatare. Auch ihre Körper transportieren keine Stereotype», sagt Yeshitila, der in seiner multiethnischen Heimat Äthiopien als Journalist gearbeitet hat und weiss, wie Gruppenzugehörigkeiten demokratische Prozesse zerstören können, weil nicht das Wohl der Menschheit, sondern egoistische Interessen die Motivgeber sind.

Die Schauspieler David Werner, Annina Polivka und Ntando Cele bei Proben für das Stück «Die Möglichkeiten» auf der ehemaligen Tuchlaube-Bühne.

Die Schauspieler David Werner, Annina Polivka und Ntando Cele bei Proben für das Stück «Die Möglichkeiten» auf der ehemaligen Tuchlaube-Bühne.

Werden sich die Eier also nicht gegenseitig in die Pfanne hauen und eine gerechtere Welt erschaffen? Yeshitila zögert. Das Reden über Gerechtigkeit sei das eine, das Handeln das andere, sagt er. Die Fragen aber, die diese Eier stellen, werden uns Zuschauer beschäftigen.

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Autor

Julia Stephan

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