Klassik

Argovia Philharmonic: Mit Indiana Jones ins neue Jahr

So rasant war Neujahr selten: Das Argovia Philharmonic mit dem Trompeter Immanuel Richter.

So rasant war Neujahr selten: Das Argovia Philharmonic mit dem Trompeter Immanuel Richter.

Das Argovia Philharmonic spielt an seinem Neujahrskonzert Filmmusik und Wiener Walzer.

Kuhglocken! Waren es wirklich Kuhglocken, was man mitten im Neujahrskonzert des Argovia Philharmonic hörte? Metallisch scharf, scheppernd und sogar etwas verstimmt durchbrach ihr solitäres «kling-ling» die rasante Melodie in der «Feuerfest»-Polka von Komponist Josef Strauss. Es war das einzig typisch Schweizerische an diesem Neujahrskonzert – abgesehen von der ausgezeichneten Rede des Landammanns Roland Kuster, welcher in wenigen Worten das Thema Neujahr mit den Schweizer Werten Kooperation und Integration sowie dem Thema Kino virtuos verflocht.

Grosses Kino war überhaupt das Thema dieses Abends – und das buchstäblich. Mit der Titelmelodie zum Film «Indiana Jones» (komponiert von John Williams) und Erich Wolfgang Korngolds Soundtrack zu «The Sea Hawk» war dem Orchester ein mitreissender Jahresbeginn gelungen – und erst noch einer, bei dem beinahe alle Zuhörer mitsummen konnten. Sogar zum Dolby-Surround-Effekt made in Aargau fehlte nicht viel, womöglich nur etwas mehr Beherztheit und Abenteuerlust à la Indiana Jones.

Strauss, Strauss und Strauss

Aber bereits ging es weiter. Und ganz wie es sich für ein ordentliches Neujahrskonzert gehört, rundete da Strauss, Strauss und nochmals Strauss das Programm ab. Und das in allen erdenklichen Variationen – seien diese familiärer Art mit Werken von Vater Johann und dessen Söhnen Eduard, Josef und Johann (Sohn) oder gattungsbedingt: mit Stücken wie Polka, Walzer und Marsch – also jener Wiener Trias, die in den Ballsälen der Metropole ebenso verbreitet ist wie ihr sakrales Pendant in den dortigen Kirchen.

Und das Argovia Philharmonic bewies bereits an diesem zweiten Tag im Jahr 2019, dass ihm das Wienerische lag. Etwa mit der Polka «Lob der Frauen», die so melancholisch-verträumt beginnt, als hätte sich Komponist Johann Strauss (Sohn) in der Bezeichnung des Stücks geirrt. Da wiegten und wogen die Geigen melancholisch (und homogen!), die hingetupften Staccati liessen sie trippeln (was nicht ganz so exakt ausfiel), während die Querflöte die Melodien mit schönem Glanz veredelte. Und immer fiel das Orchester-Tutti mit einem bekräftigenden «ta-taa» als Refrain ein – sodass nicht ganz klar wurde: Waren diese zwei eingeworfenen Forte-Töne nun das im Titel beschrieben Frauenlob oder umgekehrt: der Hauptteil aus musikalischem Pointillismus dazwischen?

Überhaupt gabs an diesem Neujahrskonzert gleich eine doppelte Portion Pointillismus. Das hatte mit dem Soloinstrument zu tun: Trompete. Denn für einmal durfte das kraftvollste aller Blasinstrumente zeigen, dass es mehr draufhat, als nur markante Töne zu schmettern. Denn von Variation zu Variation wurde der Trompeten-Part in Jean-Baptiste Arbans Variationen über das Thema «Le Carnaval de Venise» (auch bekannt als «Mein Hut der hat drei Ecken») schneller, kleinteiliger und vertrackter. Da liefen Zungenschlag und Finger des Trompeters Immanuel Richter miteinander um die Wette, bis es das Publikum nicht mehr länger aushielt und jeweils mitten ins Stück hinein klatschte. Der 44-Jährige (der für den aus gesundheitlichen Gründen ausgefallenen Fabian Neuhaus eingesprungen war) quittierte den Beinfall mit amüsierten Verbeugungen.

So klatschfreudig hat man ein Publikum überhaupt selten erlebt. Die eine oder andere Zuhörerin mochte deshalb bedauert haben, dass Dirigent Marc Kissóczy als letzte von drei Zugaben den absoluten Klatsch-Klassiker «Radetzky-Marsch» aufs Programm gesetzt hatte, aber, kaum eingeläutet, den Marsch in rasantem Tempo und rein orchestral seinem raschen Ende entgegentrieb. Und wo wir schon mal beim Thema «eingeläutet» sind: Die eingangs beschriebenen Kuhglocken in Johann Strauss’ «Feuerfest» stellten sich im Anschluss ans Konzert nach kurzer Recherche als Amboss heraus. Aber so ist das nun mal mit Neujahr: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.

Das Neujahrskonzert wird wiederholt: Freitagabend, 4. Januar, um 20 Uhr im Saalbau Reinach. Am Sonntag, 6. Januar, um 11 Uhr im Kultur- & Kongresshaus Aarau.

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