Relativität ist eine verflixte Sache. Zwar lässt sich mit ihr so ziemlich jede Ansicht verteidigen, allerdings auf Kosten der Überzeugungskraft der jeweiligen Position. Es ist sicher nicht falsch, zu sagen, dass Beethoven und Goethe relativ bekannt, Max Reger und Johann Mayrhofer hingegen relativ unbekannt sind.

Auch stimmt, dass relativ viele Leute um das Schicksal des Prometheus wissen, vom Treiben Memnons jedoch relativ wenig Ahnung haben. Richtig ist ferner, dass die 4. und 8. Symphonie von Beethoven seltener als ihre populären Geschwister gespielt werden und im Vergleich zu diesen relativ unspektakulär sind.

(Un)bekanntes Repertoire

Die Zuhörer des 3. Zyklus «Musik und Dichtung» des Argovia Philharmonic erwartet damit ein Programm, dessen Summe sich aus einer Gleichung zusammensetzt, in der Bekannte und Unbekannte in etwa den gleichen Anteil halten. Es geht auch etwas konkreter: Aufgeführt werden fünf Schubert-Lieder nach Gedichten von Goethe (Prometheus, Erlkönig, An Schwager Kronos), Johann Mayrhofer (Memnon) und einem gewissen Karl Lappe (Im Abendrot).

Die Orchestrierung für das «Abendrot» und die zwei ersten Goethe-Werke stammen aus der Feder des bereits erwähnten Max Reger (1873– 1916). Ein zweifelsohne grosser Komponist in eigener Sache, der von Paul Hindemith treffend als «Riese in der Musik» bezeichnet wurde. Die übrigen Titel hat – was relativ selten ist – Brahms orchestriert, worin sich mitunter dessen Wertschätzung für Schubert zeigt. Besondere Aufmerksamkeit wird man bei der Premiere der dritten Konzertreihe dem Auftritt des jungen Westschweizer Bass-Baritons Alexandre Beuchat schenken, welcher den Gesangspart übernimmt.

Das eigene Denken zählt

Den Liederblock flankieren die beiden Beethoven-Symphonien, die, wie angedeutet, ein etwas verschupftes Dasein fristen. Woran das genau liegt, darüber gehen die Meinungen der Fachkundigen auseinander. Zu fröhlich-idyllisch finden die einen (Nr. 4 in B-Dur op. 60), im Zeitmass zu verspielt die anderen (Nr. 8 in F-Dur op. 93). Einen frechen Einfall hatte einst ein Musikwissenschaftler namens Goldschmidt. Er kreidete den Misserfolg der 8. Symphonie postwendend dem Publikum an: Das Werk sei «vielverkannt, weil viel zu vordergründig verstanden.» Aha. Uns soll es recht sein.

Das ist doch gerade ein guter Grund, um ins Konzert zu gehen und sich selber eine eigene Meinung zu bilden. Man darf also gespannt sein, was Dirigent Douglas Bostock und das Argovia Philharmonic aus den Werken herauszuholen imstande sind. Für die Lieder empfiehlt sich vorgängig ein kurzes Bekanntmachen mit dem Text. Die Musik wird anders wahrgenommen, wenn man die Gedichte kennt, und wirkt unvergleichlich stärker, wenn man sich darüber hinaus auch noch etwas zu deren Bedeutung überlegt hat. In keiner anderen Wissenschaft ist man so frei wie bei der Interpretation von Poesie. Warum nicht davon profitieren?

Zum Schluss sei wie immer auf die Konzerteinführung «Hinter den Kulissen» hingewiesen, die jeweils 45 Minuten vor Konzertbeginn stattfindet. Für die Sonntagsvorstellung gibt es zudem eine Kinderbetreuung. (Anmeldung bitte bis 16. Januar.) Wem nebst Frühenglisch und Sportlager an einer ganzheitlichen Erziehung gelegen ist, was Goethe nur befürwortet hätte, der bringt seinen Nachwuchs aber selbstverständlich mit zum Konzert, wo auch etwas für die Entwicklung der Seele getan wird.