Cartoonmuseum Basel

Antihelden des Alltags: Christoph Fischer im virtuellen Rundgang durchs Cartoonmuseum

Der Luzerner Künstler Christoph Fischer findet im Unscheinbarsten Geschichten, die er zu Bildern, Filmen und Skulpturen werden lässt.

Christoph Fischer ist zerknirscht. «Die jetzige Situation ist wie ein Albtraum, so schlecht träume ich eigentlich nie», sagt der Luzerner Illustrator und Künstler am Telefon. Und mit dem Träumen kennt er sich aus: Eben ist sein neues Buch «Während ich schlief» beim Christoph-Merian-Verlag erschienen, in dem Fischer seine nächtlichen Gesichte aufzeichnet. Diese Bilder und weitere Arbeiten befinden sich im Cartoonmuseum Basel, das am Freitag zur Vernissage der Ausstellung «Der Welt abgeschaut» geladen hätte, wenn – ja, wenn nicht das Corona-Virus passiert wäre.

«Es ist meine erste grosse Ausstellung ausserhalb von Luzern, eine Retrospektive, wie es sie vielleicht nur einmal gibt im Leben», sagt Fischer, der im vergangenen Jahr das Comicstipendium der Deutschschweizer Städte gewonnen hat. Auch das Luzerner Comic-Festival «Fumetto», an dem er mit seinem neuen Buch präsent gewesen wäre, wurde abgesagt. «Aber was will man machen?» Über eine Verlängerung der Ausstellung, die bis zum 1. Juni laufen sollte, wird nachgedacht, «falls das überhaupt möglich ist». Ein Online-Rundgang durch das Museum wäre das letzte Mittel.

Fischer nimmt uns mit auf einen erzählten Rundgang durch seine Ausstellung. Zuoberst hängen die Traumbilder, in einem abgedunkelten Raum mit schwarzen Wänden und schwarzem Teppich. In zwei Reihen hängen 45 grossformatige Traumbilder, auf denen der Zeichner zum Beispiel von einem Löwen angefallen wird. «Seit ungefähr zehn Jahren muss meine Partnerin morgens früh aus dem Haus», erklärt Fischer, «da wache ich jeweils kurz auf und schlafe wieder ein. Das ist die einfallsreichste Phase.»

Fischer skizziert seine Träume und setzt sie später detailgetreu um. Gewisse Abläufe sehe er beinahe in Einzelbildern, anderes bleibe unscharf. «Diese Stimmung versuche ich zu rekonstruieren.» Dabei betrachtet Fischer das Zeichnen als eine Art Ghostwriting, bei dem er die Verantwortung für das Geträumte ein Stück weit ablege. «Die Bedeutung der Träume interessiert mich wenig, meistens kann ich sie von einer spezifischen Stresssituation herleiten. Das ist banal. Die Ästhetik der Träume, die Hülle, die sie sich aussuchen, interessiert mich viel mehr.»

Achtzigjährige Zwillinge im Gleichschritt

Auch im Wachzustand taucht Fischer als Beobachter gerne in andere Welten ab. Im ersten Stock ist das Ergebnis eines viermonatigen Aufenthaltes in Chicago zu sehen. Zeichnungen, Porträts und Anekdoten aus dem afroamerikanischen Viertel der Stadt: dösende Kinder auf Sofas, Barbecues in Hinterhöfen. «Es ist ein sozialer Brennpunkt mit einer der höchsten Kriminalitätsraten der USA», so Fischer. Trotzdem kam er den Menschen auf seinen regelmässigen Besuchen näher und porträtierte zum Beispiel eine 14-köpfige Familie: «Die hatten grosse Freude».

Es ist diese Art von soziologischen Studien, die den Zeichner antreiben. Er lasse sich vom Interesse an seiner Umgebung leiten und reagiere auf das Moment der Überraschung. «Das kann ich in meinem Atelier nicht erfinden, dafür muss ich draussen zeichnen. Müsste ich mir eine Geschichte ausdenken, wäre mir das zu konstruiert.» Zur Inspiration reicht allerdings schon der Blick aus dem Atelier, das Fischer seit zwanzig Jahren nutzt.

«Beim Herausschauen habe ich Geschichten entdeckt, die so komisch waren, dass ich sie für mich festhalten musste.» Zum Beispiel die wartenden Menschen an der Bushaltestelle, die Fischer in Acryl malt. Oder die achtzigjährigen Zwillinge, die immer im Gleichschritt laufen. «Ich habe sie gefilmt und die einzelnen Aufnahmen so zusammengeschnitten, dass ihre Kleidung fast mit jedem Schritt wechselt», lacht Fischer.

Beim Verkehrskreisel vor seinem Atelierfenster hat der Künstler Heinz entdeckt – einen ehemaligen Strassenkehrer, der auch nach seiner Pensionierung jeden Tag nach dem Rechten sieht. «Heinz ist ein typischer Schweizer Büezer, der mich mit seiner Einfachheit fasziniert hat», erklärt Fischer, der den Arbeiter im Rahmen eines Quartierentwicklungsprojektes als dreieinhalb Meter hohe Kreiselskulptur verwirklichte. Das 1:1-Modell der Skulptur steht jetzt im Museum und steckt, wegen Übergrösse, zwischen zwei Stockwerken fest: Die Beine befinden sich im einen Raum, Kopf und Oberkörper im Raum darüber – auf Augenhöhe mit den Wirtschaftsgrössen, die Fischer für die NZZ zeichnet.

Meistgesehen

Artboard 1