Literatur

Anna Stern gewinnt den Schweizer Buchpreis – sie sagt: «Erinnerungen sind sehr unzuverlässig»

Anna Stern am Hafen ihrer Heimatstadt Rorschach.

Anna Stern am Hafen ihrer Heimatstadt Rorschach.

Der Schweizer Buchpreis hat eine überraschende Siegerin: Die 30-jährige Anna Stern mit ihrem Roman «das alles hier, jetzt» über eine Trauerbewältigung.

Keine Lesereise, die Siegesfeier im Theater Basel lediglich ein Medientreff: Der Schweizer Buchpreis fiel zwar dieses Jahr Corona nicht ganz zum Opfer, fand aber praktisch nur online statt. Der Werbecoup für die Schweizer Literatur hat sich aber seit 2008 etabliert und die Wehklagen über den angeblich schwindenden Kulturjournalismus bestätigen sich auch nicht. Denn der Buchpreis erreicht nach wie vor seinen Zweck: Aufmerksamkeit erzeugen.

Die nominierten Bücher sind denn auch breit besprochen worden, auch von dieser Zeitung, zum Teil mit Porträts ergänzt. Aufgrund der medialen Favoritenkür im Vorfeld hätte man eher Dorothee Elmiger oder Charles Lewinsky auf dem Siegerpodest erwartet. Die fünf Nominierten sassen dieses Jahr nicht aufgereiht im Saal, sondern wurden morgens um halb neun Uhr zu Hause informiert. So traf man denn im Foyer des Theaters Basel nur die Siegerin: Anna Stern. Sie schien ebenso überrascht wie die anwesenden Medienvertreter.

Die Naturwissenschafterin erforscht im Rahmen eines Doktorats an der ETH Zürich Antibiotikaresistenzen und veröffentlicht nebenher seit 2014 im Zweijahrestakt Romane und Erzählungen. Ihr Siegerroman «das alles hier, jetzt» handelt vom unerwarteten Tod eines nahestehenden Menschen, «mit grosser experimenteller Kraft und mit hoher sinnlicher Intensität», begründet die Jury ihren Entscheid. Der Text komme ohne «Gender-Fixierung der Figuren aus». Fast beschwörend werde die Vergangenheit wachgerufen und die Leserinnen und Leser in den Erinnerungsprozess einbezogen.

Wir führten vor zwei Jahren in Klagenfurt ein Interview, als Sie beim Bachmannpreis gelesen haben. Im Vergleich zu jenem Auftritt: War die jetzige Warterei beim Schweizer Buchpreis ebenso nervenaufreibend?

Anna Stern: Ich habe sehr viel gelernt in Klagenfurt. Letzte Nacht habe ich jedenfalls sehr gut geschlafen und habe mich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Es hilft natürlich, dass die heutige Veranstaltung sehr viel kleiner ist als in anderen Jahren. Es treibt die eigene Nervosität schon sehr an, wenn man wie in anderen Jahren vor so vielen Leuten sitzt und die Entscheidung abwarten muss.

Sie sind unglaublich fleissig. Im Januar 2019 kam ihr Roman «Wild wie die Wellen des Meeres» heraus. Diesen Herbst nun der neue Roman. Wie schaffen Sie das neben ihrem Doktorat an der ETH Zürich?

Mit viel Disziplin und gutem Zeitmanagement. Ich schreibe einen grossen Teil in meinen Ferien und sowieso in meiner Freizeit. Auch wenn das Schreiben auf eine Art Arbeit ist, so ist es doch auch ein Ausgleich.

Aber lustig sind Ihre Bücher ja nicht. Sie beschäftigen sich intensiv mit schweren Themen wie Tod, Trauer, Selbstverlust. Das waren auch im Vorgängerroman Hauptthemen. So erholsam kann das doch nicht sein.

Das Schreiben ist deshalb erholsam, weil es für mich eine Möglichkeit bietet, Sachverhalte, die ich nicht verstehe, die für mich schwierig sind, in ein Gefäss, in eine Form zu bringen, die es mir erlaubt, all das zu verstehen. Wenn ich am Schluss eines Textes den Eindruck habe, ich hätte etwas besser verstanden oder es hätte eine Form gefunden, dann nimmt mir das ja auch eine Belastung weg. Schwierig wird es dann vielleicht für den Leser, der das verstehen soll. Aber ich konnte das auslagern.

Das gilt offenbar besonders für Ihren neuen Roman. Ein Verlust einer nahestehenden Person in Ihrem Umfeld habe Sie zu diesem Buch angeregt, inspiriert, gedrängt.

Ja, das stimmt. Es ist der Tod einer nahen Person, die sehr jung und unerwartet gestorben ist.

Wie lang haben Sie gewartet, um diesen Verlust literarisch zu verarbeiten?

Ich habe sehr schnell nach diesem Ereignis mit dem Schreiben angefangen. Wenn ich mit dem Schreiben beginne, denke ich noch gar nicht an ein Publikum, denke nicht an eine Publikation. Es ist zunächst ein Text nur für mich, um die Erfahrung in einen Kontext zu bringen. Das war auch hier der Fall.

Ihr Buch ist originell komponiert, in einer Art Doppelspur. Die zwei Zeitebenen finden je auf zwei nebeneinanderliegenden Buchseiten statt, die sich auch im Schriftbild unterscheiden. Links ist das Jetzt mit der Trauer, rechts die Erinnerungsspur.

Wenn eine Beziehung zu Ende geht, werden Erinnerungen wach an die gemeinsame Zeit. Ich schrieb ja zuerst alles in Notizbücher. Das waren voneinander unabhängige Fragmente, die überhaupt nicht der jetzigen Reihenfolge entsprachen. Aber es war von vorneherein klar, dass ich die bewusste Verarbeitung des Verlustes von den Erinnerungen trenne.

Bildet diese literarische Zweiteilung in Gegenwart und Vergangenheitsspur die Realität des Trauerzustandes ab?

Ja, es soll auch die Intensität der Erinnerungen verdeutlichen. Die Erinnerungen können nicht einfach in der Gegenwartstrauer als kurze Versatzstücke Unterschlupf finden. Es ist jedes Mal ein Heraustreten aus der Gegenwart, was deutlicher wird, wenn ich die beiden Ebenen auch klar trenne.

Hilft das Aufschreiben der Gefühle und der Erinnerungen bei der Trauerbewältigung?

Das kann sehr illusorisch sein, weil unsere Erinnerungen sehr unzuverlässig sind. Jedes Mal, wenn ich mich an etwas erinnere, verändert sich diese Erinnerung. Im neuen Roman ist es halt so, dass durch das Wegbrechen der Beziehung der verstorbenen Person die eigene Vergangenheit in Frage gestellt wird. Die Erinnerung ist in diesem Sinne der verzweifelte Versuch, die eigene Vergangenheit zu bestätigen. In meinem Buch taucht die Schuldfrage immer wieder auf. Die Figuren fragen sich, ob sie sich anders hätten verhalten sollen oder zu welchem Zeitpunkt sie hätten zurückgehen wollen, um etwas zu ändern.»

Am Ende Ihres Romans kommt eine überraschende Wendung, eine Art Roadtrip mit der Urne der verstorbenen Person.

Mir war beim Schreiben bald mal klar, dass ich meine Figuren nicht ein ganzes Buch lang in ihrem Trauerzustand lassen kann. Es ist eine verrückte Idee, ja. Aber die Figuren sind zu diesem Zeitpunkt an einem Tiefpunkt angelangt, an dem sie sich auf alles einlassen würden, um aus diesem Zustand herauszukommen. Egal, ob der Zustand noch schlechter wird oder sich zum Besseren wendet.

Trauernde Menschen kommen oft ganz schlecht aus ihrer Beklemmung heraus. Empfehlen Sie also verrückte Ideen, um sich aus dieser Beklemmung zu befreien?

Ich will mit meiner Literatur keine Ratschläge erteilen. Das kommt auch immer auf die jeweiligen Menschen drauf an. Ein allgemeines Rezept ist das sicher nicht.

Warum verzichten Sie in Ihrem Roman auf klare Geschlechtszuordnungen?

Ich habe Mühe mit solchen Kategorisierungen und lasse auch meine Texte nicht gerne in Schubladen wie Krimi oder Liebesgeschichte stecken. Hoffentlich merkt jede Leserin, jeder Leser, dass es in meinem Roman darauf nicht ankommt. Der Verzicht auf Geschlechtszuordnungen soll verdeutlichen, dass es möglich ist, ohne diese Kategorisierungen zu lesen. Es soll einfach aufzeigen, dass das Gegenüber ein Mensch ist, und nicht so sehr Frau oder Mann. Mit dieser Offenheit sollte man sich auch sonst begegnen.

Woher kommen diese merkwürdigen Namen der Hauptfiguren Ananke und Ichor?

Es sind Figuren oder Konzepte aus der griechischen Mythologie. Ananke ist die Personifizierung des unpersönlichen Schicksals und Ichor heisst das Blut der Götter.

Verändern dieser Buchpreis und die 30000 Franken Ihre Lebensplanung? Sie müssten sich wohl langsam fragen, ob Sie die Wissenschaft an den Nagel hängen und sich ganz der Literatur widmen sollen.

Auf keinen Fall. Es ist ein eher unerwarteter Preis. In einem Jahr wird mein Doktorat zu Ende gehen. Was danach kommt, ist noch nicht klar. Dann kann ich mir mit diesem Preisgeld eine Auszeit gönnen und eine willkommene Schreibzeit finanzieren. Womöglich nutze ich es dann aber auch für eine grössere Reise – wenn man wieder mal reisen kann.

Anna Stern: das alles hier, jetzt. Roman. Salis Verlag, 239 Seiten.

Autor

Hansruedi Kugler

Meistgesehen

Artboard 1