Ausstellung

Anarchisch, chaotisch und mit Herzblut: Wie sich die Kunst ab 1975 in Zürich neu erfand

Frauensicht: Doris Stauffers «Papst Guckkasten aus: Patriarchales Panoptikum» in der Ausstellung 1975.

Frauensicht: Doris Stauffers «Papst Guckkasten aus: Patriarchales Panoptikum» in der Ausstellung 1975.

Mit der Ausstellung «Ausbruch & Rausch» zeigt Bice Curiger, wie zwei Ausstellungen 1975 und 1980 die Kunstszene Zürich auf den Kopf stellten.  Sogar mit amtlicher Bewilligung.

Heute reden wir über Political Correctness, die Tabus vermehren sich, das gesellschaftliche wie politische Klima wird rigider, der Freiraum enger – die Umwelt dafür heisser. Da wirkt eine Ausstellung wie «Ausbruch & Rausch. Frauen, Kunst, Punk», eigentlich ein Rückblick auf zwei Ausstellungen von 1975 und 1980, wie eine mentale Wohltat.

Eine Befreiung und unerhörte Ereignisse waren die beiden Ausstellungen auch in ihrer Zeit. «Frauen sehen Frauen» und «In Saus und Braus» brachten Pop und Punk, Feminismus und Subkultur in die städtische «Kunstkammer im Strauhof». Anarchie und Umsturz waren also quasi amtlich bewilligt. Für «Saus und Braus» wurde Bice Curiger 1980 gar von der Präsidialabteilung angefragt und das Monsterkonzert der Punk- und Rockbands im Volkshaus als erstes Pop-Event von der Stadt subventioniert. Und das wenige Wochen bevor beim Opernhauskrawall Pflastersteine gegen die Elite-Kultur flogen.

Peter Fischli und Klaudia Schifferle, Plakat und Titelbild des Katalogs zu Saus und Braus, 1980.

Peter Fischli und Klaudia Schifferle, Plakat und Titelbild des Katalogs zu Saus und Braus, 1980.

«Wir wollen nicht nostalgisch werden, sondern zeigen, wie und durch wen ein solcher Aufbruch in Zürich möglich war», sagte Kuratorin Bice Curiger gestern beim Presserundgang, und geriet beim Erzählen doch ins Schwärmen.

Lebenslust und Wut zündeten die Frauenrakete

Wohlig waren die Verhältnisse in den 1970er-Jahren ja nicht. Die Schweizer Frauen hatten zwar eben das Stimmrecht bekommen, und Zürich hatte 1969 mit Claudia Honegger zum ersten Mal eine Rednerin am 1. Mai, Platz in den Kunst- und Regierungshäusern gab es für sie trotzdem kaum. Die soliden Bildungsgänge der Kunstgewerbeschule dominierten die Kunst, und die akkuraten Geometrien der Zürcher Konkreten waren für die junge Szene «Bankenkunst» (Curiger).

Blick auf die Städtische Kunstkammer Strauhof mit dem Plakat der Frauenausstellung. 1975.

Blick auf die Städtische Kunstkammer Strauhof mit dem Plakat der Frauenausstellung. 1975.

Die Künstlerin Heidi Bucher habe damals vom «House of Woman» in Los Angeles erzählt, der Zürcher Klüngel um Rosina Kuhn, Cristina Fessler, Bignia Corradini, Lisa Enderli und Bice Curiger packte die Chance. Daraus entstand 1975 – im von der UNO proklamierten «Jahr der Frau» – im Strauhof also «Frauen sehen Frauen».

Kollektiv, mitbestimmt, anarchisch, hierarchielos wurden weibliche Sichten auf Kunst und Leben ausgebreitet. Profis und Amateurinnen waren gleichberechtigt dabei. Die Prostituierte Lady Shiva zügelte ihren Schminktisch in die Ausstellung, und Doris Stauffer demontierte in Schaukästen das Patriarchat.

Blick in den Schminkraum von «Lady Shiva»; auf dem Schminktisch das Fussballidol René Botteron vom FCZ.

Blick in den Schminkraum von «Lady Shiva»; auf dem Schminktisch das Fussballidol René Botteron vom FCZ.

Das «Panzerknacker-Ballett» tanzte die Freiheit bereits seit 1974, und die «Frauenrakete», ein Programm mit schrägen Sketches, Performances und wilder Musik, füllte das Albisgüetli. Aber trotz aller kämpferischen Töne: «Es war wunderbar entspannt», erinnert sich Curiger.

Schlussbild des Panzerknackerballetts; Katrin Trümpy sitzend auf dem gebodigten Dirigenten Serge Stauffer; im Hintergrund sein Sohn Veit Stauffer.

Schlussbild des Panzerknackerballetts; Katrin Trümpy sitzend auf dem gebodigten Dirigenten Serge Stauffer; im Hintergrund sein Sohn Veit Stauffer.

Kunstguerillas erobern die Stadt

1980 dann war Curiger offiziell beauftragte Kuratorin für «Saus und Braus» und versammelte die gleichaltrige, junge Szene. «Alle die Beteiligten kannten sich, es war die lokale Szene, aber sie war doch in die globale Entwicklung eingebunden.»

Fischli/Weiss agierten eben als Duo und lieferten Arbeiten aus ihrer später berühmten «Wurstserie», Klaudia Schifferle war Bassistin bei der Punkband Liliput und malte mit Lackfarben kräftige Signalbilder auf billigen Karton, Sergio Galli imitierte selbstbewusst Picasso und Mirò, Dieter Meier steuerte einen Dokumentarfilm über seine Grosseltern bei, und Martin Disler eruptive Gemälde.

Peter Fischli / David Weiss, Eitles Pack (später: Modeschau) Fotografie, aus: Wurstserie, 1979 (erstmals ausgestellt in Saus und Braus).

Peter Fischli / David Weiss, Eitles Pack (später: Modeschau) Fotografie, aus: Wurstserie, 1979 (erstmals ausgestellt in Saus und Braus).

«Das mediale Echo war unglaublich», erinnert sich Bice Curiger. «Allein, wie viel Zeit ihnen das Schweizer Fernsehen einräumte, ist heute unvorstellbar.» Im «Tages-Anzeiger» schrieb Kritiker Peter Killer über die «Stadtguerillas im Strauhof»: «Eigentlich müsste man den Zürchern den Besuch nicht nur empfehlen, sondern amtlich Vorladungen schicken.»

Heute könnte man vielleicht die akademisch durchorganisierten Kunstschulen vorladen. Etwas anarchische Energie, etwas «Aufbruch & Rausch» würde der institutionalisierten Kunst- und Kuratoren-Szene nicht schaden.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1