Analyse
Das Zürcher Filmfestival ist zu Ende, doch die Probleme der Kinos konnte es nicht lösen – eine Bilanz in fünf Punkten

Andrang bei den grossen Filmen, halb leere Säle bei den kleinen und ein paar Misstöne: So war das Zürcher Filmfestival ZFF 2021.

Daniel Fuchs
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Ein schöner Ort, aber nie und nimmer ein Kino: Im Zürcher Kongresshaus feiert das ZFF heuer zum ersten Mal die grossen Filmpremieren.

Ein schöner Ort, aber nie und nimmer ein Kino: Im Zürcher Kongresshaus feiert das ZFF heuer zum ersten Mal die grossen Filmpremieren.

In Zürich geht die 17. Ausgabe des Filmfestivals ZFF zu Ende. Was neben «Bond» und Sharon Stone zu reden gab und auf welche Filme man sich freuen darf.

1. Publikumskonzentration bei «Bond» und Co.

Die Eintrittszahlen sollen sich in etwa auf dem Niveau bewegt haben wie im Jahr vor Corona. Auffallend waren jedoch einige schlecht besuchte Kinos, vor allem bei weniger bekannten Filmen. So war es dieses Jahr problemlos möglich, kurzfristig Tickets zu erhalten. Ein sonst eher seltener Umstand an einem Filmfestival. Besonders eindrücklich zeigte sich das letzten Sonntag, einem grauen Tag, perfekt geeignet für einen Kinobesuch eigentlich. Die Säle aber blieben halb leer.

Die grossen Filme wie «Bond» wurden dafür überrannt. Dass sich die Haltung immer stärker akzentuiert, nur noch für Blockbuster und aufwendige Produktionen einen Kinobesuch ins Auge zu fassen, bereitet den Kinobetreibern Kopfschmerzen. Zwar haben Blockbuster schon immer ihre Kassen gefüllt, und einen «Bond» sehnten selbst die Arthouse-Kinos seit Monaten herbei. Dass sich aber immer mehr die Haltung durchsetzt, «für diesen und jenen Film lohnt sich ein Kinobesuch nicht, den kann ich gerade so gut zu Hause streamen», ist natürlich schade.

2. Die Entdeckungen

Dabei gab es am ZFF sehr viel zu entdecken. Mein persönliches Highlight in einem nicht vollen Saal: «Swan Song» von Todd Stephens über einen gealterten Coiffeur im Pflegeheim, der ausreisst, um einer verstorbenen reichen Kundin das letzte Geleit zu geben, sie noch einmal besonders hübsch zu machen. Dabei stellt er sich seinen persönlichen Verletzungen und lässt alte Tage in einer Drag-Queen-Bar wieder aufleben.

Oder «Ich ich ich» von Zora Rux über eine komplizierte Beziehung mit einer hin- und hergerissenen Frau, deren Gefühlsleben und Gedankenwelt der Film in einer komplett neuen filmischen Perspektive auf die Leinwand bringt. Ich glaube nicht, dass mich ein solcher Film zuhause am Fernseher so gepackt hätte. Oder auch «Mona Lisa and the Blue Moon» von Ana Lily Amirpour über die Ausbrecherin aus einer Irrenanstalt, die über magische Kräfte verfügt. Sozialkritik in der genau richtigen Dosis, gepaart mit Fantasy-Tricks – sehr cool.

3. Einige Misstöne

Eröffnet wurde das Festival mit dem neuen Film des schillerndsten Schweizer Regisseurs Michael Steiner («Wolkenbruch», «Sennentuntschi») über die Geiselhaft eines Schweizer Touristenpaars bei den Taliban. Direktor Christian Jungen fehlte im vergangenen Jahr ein Film, der die Leute aufregte. Steiners Geiseldrama «Und morgen seid ihr tot» eckte an, weil die wahren Protagonisten bis heute anecken. Steiner nahm konsequent deren Sicht ein und stellte auf der anderen Seite den Staat bloss. Leider auf plumpe Art, weshalb der Film so nicht funktioniert. Egal, keiner will einen schlechten Film machen, und als Eröffnungsfilm sorgte Steiners Wurf zumindest für Diskussionen.

Eben jener Eröffnungsabend sorgte bei noch einem für Misstöne, der sonst für gute Laune sorgt: Viktor Giacobbo schlug die Einladung aus, wie er auf Twitter missmutig kundtat, und kritisierte im Nachhinein den Überhang an Influencern gegenüber Schweizer Filmschaffenden am ZFF.

Mit dieser Ferndiagnose traf er einen wahren Kern. Natürlich ist das Filmfestival vor allem eines: Werbung für Zürich – und die Influencer sollen Bilder von dort in die Welt hinaustragen. Wer allerdings vor Ort war, der konnte die Filmschaffenden selbst nicht übersehen. Vielleicht sollte Giacobbo nächstes Mal einfach hingehen.

4. Irritationen im Festivalpalast

Das Zürcher Kongresshaus, dieses Jahr neu als prunkvoller Festivalort für die Premieren der ganz grossen Filme hinzugezogen, beherbergte die Premiere von «No Time to Die», die nur eine Viertelstunde nach der offiziellen Weltpremiere in London begann. Einen Tag zuvor rieben sich die Zuschauer von «Klammer» verwundert die Augen, als der Vorspann des Films über die österreichische Skilegende Franz Klammer etwas gar experimentell daherkam.

«Da stimmt was nicht», rief einer der «Klammer»-Produzenten im Kongresssaal. Und der Film musste noch einmal gestartet werden. Bei «Bond» streikte die Technik glücklicherweise nicht. Den Gästen der «Bond»-Premiere dürfte der fast drei Stunden dauernde Film und ein schmerzender Nacken oder Hintern jedoch klargemacht haben, weshalb Kinos über bequeme Sessel und einen abgeschrägten Boden verfügen. Das Kongresshaus mag als Ort für eine Bond-Premiere prunkvoll genug sein, an ein Kino kommt es aber nie und nimmer heran.

5. Zertifikat sorgt für Erleichterung und Sorgen

Ein paar Zeilen zu den Schutzmassnahmen: In sämtlichen Veran­staltungen galt die Zertifikatspflicht. Dafür gab es keine Schutzabstände mehr, und die Masken fielen. Das war zum einen schön, zum anderen ein wenig gewöhnungsbedürftig. Vereinzelt waren Masken zu sehen im Publikum.

Hinter Stargast Sharon Stone tragen einige Zuschauer Masken, aber nicht alle.

Hinter Stargast Sharon Stone tragen einige Zuschauer Masken, aber nicht alle.

Bild: Keystone

Zürich ist nach Basel-Stadt der Kanton mit der höchsten Durchimpfung, und doch beschleicht einem das Gefühl, dass manche Geimpfte wohl auf einen Festivalbesuch verzichteten, aus Furcht, sich trotzdem anzustecken. ­Dafür kann das ZFF aber nichts. Fazit? Auch wenn ­Ungeimpfte sich womöglich ausgeschlossen fühlten: Das ZFF zeigt mit der Zertifikatspflicht, wie sich Grossveranstaltungen auch in den kommenden Monaten organisieren ­lassen.

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