Saisoneröffnung

An der Mailänder Scala: Operndiva Anna Netrebko zeigt sich in blendender Verfassung

In blendender Verfassung: Operndiva Anna Jurjewna Netrebko.

In blendender Verfassung: Operndiva Anna Jurjewna Netrebko.

Grossartig musiziert, monumental bebildert: Die Saisoneröffnung mit Puccinis «Tosca» zeigt die Mailänder Scala am Scheideweg.

«Für Leidenschaft haben wir doch kaum Zeit», klagte Opernstar Anna Netrebko der «Bild»-Zeitung. Der Terminplan sei «von morgens bis abends voll», zudem stünden sie und ihr Mann unter Dauerbeobachtung. «Sich auf offener Strasse zu betrinken, das geht jetzt natürlich nicht mehr. Leider», fügte ihr Ehemann Yusif Eyvazov hinzu.

Das galt am Samstag vor allem für Netrebko. Sie war als Tosca in Puccinis gleichnamiger Oper der Star eines Events, der zwar von Demonstranten und Schaulustigen auf der Strasse begleitet wird, der sich aber davon durch Eintrittspreise bis zu 3000 Euro abhebt: die Eröffnung der Saison des Teatro alla Scala in Mailand. Sie ist nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein erstklassiges Society-Ereignis. In diesem inszeniert sich das Premierenpublikum vor den Statisten auf der Strasse und vor laufenden Kameras karnevalesk-fröhlich selber mit.

Puccini als Wegbereiter der Moderne

Sich auf der Strasse zu betrinken, ginge da tatsächlich gar nicht. Die Premiere war auch dieses Jahr weiträumig abgesperrt und wurde durch Polizeieinheiten gesichert wie ein Staatsakt. Zu einem solchen wird sie quasi durch die Präsentation des Staatspräsidenten Sergio Matterella in der Königsloge. Ihm gehörte die erste Standing Ovation des Abends – und nicht etwa dem musikalischen Hausherrn Riccardo Chailly oder Anna Netrebko.

Dafür war bei ihnen gleich klar, was es zu feiern gab. Zum einen führt Riccardo Chailly mit «Tosca» seinen Zyklus der Puccini-Opern in Urfassungen prominent weiter. Die Änderungen sind zwar nicht so weitreichend wie in anderen Opern. Entscheidender aber ist ohnehin, wie Chailly damit sein Projekt interpretatorisch weiterführt, populäre Komponisten am Übergang von der Spätromantik in die Moderne gegen deren Sentimentalisierung in Schutz zu nehmen. Chailly überträgt diesen Ansatz als Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra mit einem Rachmaninow-Zyklus auch auf die Orchestermusik. Im Fall der «Tosca» stützt das Resultat durchaus die These, dass man diesen Puccini nicht als Wegbereiter des «Verismo», sondern der expressionistischen Oper eines Alban Berg verstehen kann.

Natürlich kann man auch in dieser «Tosca» abtauchen, wenn das Orchester die delirierenden Stimmen von Anna Netrebko und Francesco Meli (als Cavaradossi) in den prächtigen Opernhimmel der Scala trägt. Aber es lohnt sich, diesem Scala-Orchester genau zuzuhören.

Der letzte Ton ist wie der erste Stern

Der Klang ist transparent und geschärft, kammermusikalisch aufgefächert und mitunter von erhitzter Brutalität. Die markant gesetzten Farben gewinnen in dieser sinfonisch durchgehörten Lesart leitmotivische Prägnanz: Vom Basston einer Harfe her öffnet sich einer der immer neu grundierten Abgründe an diesem Abend. Die Bläser verklären orgelrein falsche Liebeshoffnungen. Und in der Introduktion zu «E lucevan le stelle» glimmt der letzte Ton der Klarinette auf wie der erste Stern.

Die Fahrt nach Mailand ist deshalb eine musikalische Entdeckungsreise. Zur Gipfeltour wird sie dadurch, dass die Regie von Davide Livermore die zwei Stunden Leidenschaft kaum stört, die der Terminkalender hier Anna Netrebko zugesteht.

Passend zum Ende der Ära Pereira

Und ihre Stimme zeigte sich in fabelhafter Verfassung. Die dunklen Farben rücken die Geschichte um Liebe, Verrat und übergriffige Polizeigewalt von Beginn weg in Todesnähe. Im Überschwang mit ihrem Geliebten hat sie noch immer eine kindlich wirkende Leichtigkeit und bezaubernden Glanz. Und wenn sie den Polizeichef Scarpia mit ihrem «Bacio di Tosca» tötet, bricht aus dieser Prachtstimme der durchdringende Schrei der Verzweiflung hervor.

Die gewalttätige Seite der Oper bringen – in einem charakterstarken Ensemble – die männlichen Protagonisten eindrücklich, aber nicht derart bezwingend zum Ausdruck. Aber Francesco Meli steigert seinen schlanken Tenor zu dramatischen Erregungszuständen, Luca Salsi gibt stimmlich einen rabenschwarzen Scarpia.

Dass das darstellerisch weniger der Fall ist, liegt auch an der Regie von Davide Livermore. Mit Monumentalbauten bebildert er das Geschehen bloss, statt sich damit auseinander zu setzen. Das kaschiert selbst die modernste Bühnen- und Videotechnik nicht, die Tosca nach dem Sprung von der Engelsburg zu den Sternen emporhebt. Alles in allem beendet diese Produktion passend die von Erfolgen wie Skandalen geprägte Ära Alexander Pereira, der Mitte Dezember zum «Maggio Musicale Fiorentino» wechselt und an der Scala von Dominique Meyer abgelöst wird.

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