Musiktheater

«Amadeus» im Theater Rigiblick: Die grössten Fake-News der Musikgeschichte

Noémie Alexa Fiala als Constanze und Delio Malär als Wolfgang Amadeus Mozart.

Noémie Alexa Fiala als Constanze und Delio Malär als Wolfgang Amadeus Mozart.

In der Jubiläums-Produktion «Amadeus» des Theaters Rigiblick wird Salieri zu Mozarts Mörder.

Der eine will. Der andere kann. Diese kleine, aber nicht unbedeutende Schicksals-Konstellation liess schon Könige meucheln, Liebestode sterben und Intrigen spinnen. So auch in Peter Shaffers Schauspiel «Amadeus» über das Leben zweier Komponisten. Der eine ist Wolfgang Amadeus Mozart. Er kanns. Der andere? Antonio Salieri. Er wills. Die Sache endet mit Mozarts Tod und die Hände im Spiel hat dabei Salieri.

Die berühmtesten Fake-News der Musikgeschichte (historisch ist nichts dran am Mordverdacht) haben sich mit Hilfe Milos Formans Amadeus-Film ins Gedächtnis von Generationen eingebrannt. Und mit ihnen auch Mozarts Lachen (wobei es eigentlich das des kongenialen Amadeus-Darstellers Tom Hulce war).

An diesem Abend im Zürcher Theater Rigiblick ist das Lachen wieder da. Genauso unvergesslich. Wenn auch ein wenig anders, schliesslich heisst der Darsteller von Mozart in der 15-Jahre-Jubiläumsproduktion nicht Hulce sondern Malär. Delio Malär.

Reime und andere Endungen

Ist Genie ansteckend? Vielleicht. Denn das Genialische, das Kindliche, das Ordinäre, auch das Unflätige, das Mozart zu Lebzeiten ausmachte, sprudelt, ja, explodiert mit schauspielerischer Urgewalt aus dem 26-jährigen Schweizer heraus - Joel Basman hat einen ebenbürtigen Konkurrenten.

Denn man kann nicht anders, als Delio Malär atemlos zu zu schauen, wie er über die Bühne fegt, Wortsalven (italienisch oder französisch) in den Saal feuert und damit selbst Kaiser Joseph II (grossartig komisch: Romeo Meyer) um Worte verlegen macht, Klavier oder Cello spielt, dirigiert, ausser sich vor Wut herum rumpelstilzt, oder in genüsslichem Fortissimo abwechselnd Fäkalsprache oder Paarreime rezitiert, schliesslich bereiteten gereimte Endungen mitsamt allen anderen Formen von Hinterteilen schon dem historischen Mozart diebisches Vergnügen.

Und Stichwort Konkurrenz: In der auf szenisch reduzierten Zürcher Fassung (Musik: Daniel Fueter, Regie: Daniel Rohr) tritt der Konflikt zwischen den zwei Komponisten klarer hervor als im Film. Und das Schicksal hat hier gleich einiges übers Kreuz arrangiert: Seitens Salieri stehen da Anerkennung, Geld, Macht, musikalisches Handwerk.

Seitens Mozart musikalisches Genie aber monetäres Elend. Und es gehört zur Ironie des Schicksals, dass es ausgerechnet Salieri (Andreas Matti gibt ihn mit sympathischer Resignation) beschieden ist, womöglich als einziger Zeitgenosse das Genie seines Rivalen in voller Tragweite zu erkennen: «Als offenbare sich Gott in der Musik dieses ordinären Kindes».

Ja, diese Musik. Sie spielt auch im Rigiblick eine Hauptrolle. Unter den Händen des siebenköpfigen Ensembles darf sie mit dem Schauspiel interagieren, Teil der Handlung werden sowie nicht zuletzt den Komponisten Mozart unmittelbar präsent werden lassen. Und es gehört zu den Höhepunkten des Abends, wie Regisseur Daniel Rohr und musikalischer Leiter Daniel Fueter die Werke einsetzen.

Da entwickelt sich eine Versöhnungsszene zwischen Mozart und Gattin Constanze (Noémie Alexa Fiala gelingen berührend innige Momente) plötzlich zum bekannten «Pa-pa-pa»-Duett von Papageno und Papagena. Und als Constanze zum Schluss ihren kranken Wolferl tröstet, während die Musiker leise das Requiem anstimmen, weiss man als Zuschauerin: Hier kommt jeder Trost zu spät.

Zürich, Theater Rigiblick. Nächste Vorstellungen am Sa., 9. und So., 10. März. www.theater-rigiblick.ch

Autorin

Anna Kardos

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