Literatur

Am Ende sind es wieder die Mütter

Annie Ernaux und Yasmina Reza.

Annie Ernaux und Yasmina Reza.

Die beiden Starautorinnen Annie Ernaux und Yasmina Reza erkunden alte Mütter – autobiografisch und fiktional, präzis und fabelhaft.

Man möchte dieses Buch von Annie Ernaux zur Pflichtlektüre erklären. Als Vorbild jener Abschieds- oder Abdankungsrede, die wir alle einmal halten sollten: für unsere Mütter. Aufrichtig, forschend, liebevoll, aber unsentimental, das Leben in Zeit und Milieu einbettend, ohne die Widersprüche, die Entfremdung und den Missmut zwischen den Generationen zu negieren. Ihr Buch erschien 1987 in Frankreich. Nun, dreissig Jahre später, im Zuge der fulminanten Wiederentdeckung der Autorin im deutschsprachigen Raum, erscheint es im Suhrkamp Verlag.

Die Angst vor dem fixierenden Wort

Drei Wochen hatte Annie Ernaux damals gebraucht, bis sie nach der Beerdigung den Satz schreiben konnte: «Meine Mutter ist gestorben.» Ihre Scheu und ihre Angst: Das Geschriebene macht den Tod endgültig, die Erinnerung und das Bild der Mutter ist dann fixiert. Die Schriftstellerin aber kennt den Widerspruch. Denn über die Mutter zu schreiben, heisst, ihr Bild am Leben zu erhalten. Existenziell benennt Ernaux das Vorhaben: Sie könne nicht leben, «ohne im Schreiben die demente Frau, die sie geworden ist, mit der starken, strahlenden Frau, die sie gewesen ist, zu vereinen». Das Zögern ist eines der wiederkehrenden Elemente in Ernauxs Erinnerungsbüchern über ihre Jugend, ihren Vater, schliesslich ihre Mutter. Immer ringt sie mit der Frage der angemessenen Form.

Erinnerung wird erst durch Milieustudie zum Porträt

Mit blossen eigenen Erinnerungen mag sich Annie Ernaux nicht begnügen. Das Bild der Mutter solle nicht nur aus der Vorstellung ihrer Tochter zusammengesetzt sein, schreibt die Autorin. Sie erkundet deshalb mit einer fast schon soziologischen Neugier das Milieu, in der die Mutter ins ländliche Nordfrankreich der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts hineingeboren wurde. Die Mentalitätsforscherin Ernaux berichtet vom rigiden Gehorsam als Maxime der grosselterlichen Erziehung, von Hunger, dem Fehlen von «Förderung» und dem frühen Schulaustritt. Ihre Mutter, eine rebellische Natur, robust und temperamentvoll, mit starkem Willen zum sozialen Aufstieg schafft es, dem allgegenwärtigen Alkoholismus und dem Schicksal als Bauernmagd oder Dienstmädchen zu entkommen: Zuerst als Fabrikarbeiterin, dann als Verkäuferin, zuletzt als Ladenbesitzerin. Stolz und Leiden halten sich die Waage, als ihre Tochter studiert und sich durch den Milieu- und Klassenunterschied von ihr entfremdet.

Zuerst ist Annie Ernaux nach dem Tod der Mutter apathisch, weint wochenlang und schreibt das Abschiedsbuch, mit dem sie «die einzige Frau, die mir ernsthaft etwas bedeutet hat», verewigt. Sie braucht dazu ein ganzes Jahr und skizziert in dieser intimen, feinfühligen Studie nebenbei eine anklagende Mentalitätsgeschichte Frankreichs.

Yasmina Rezas entlarvt Lebenslügen als Floskeln

Theatralischer geht Yasmina Reza an das Thema heran. Überraschend schlüpft sie für einmal nicht in die Haut von eloquenten Pariser Intellektuellen und Künstlern, sondern in die einer auf den ersten Blick biederen, alten Frau, die mit Wehmut und unterdrückter Eifersucht von ihrer gescheiterten Schauspielkarriere und ihrem bürgerlich-soliden, aber spiessigen späteren Leben berichtet. Das funktioniert hervorragend.

Ihr fauler, erwachsener Sohn, das kaputte Knie, der verstorbene Ehemann und ihre frühere Schauspielfreundin Giselle: um diese Themen kreist ihr ausufernder Monolog. Assoziativ, launisch und ihre Enttäuschung kaschierend, spricht sie ohne Pause zur «Madame» und zum «Monsieur», die man sich als Journalisten denken kann, die aber nie etwas sagen. Genauso gut ist jedoch auch vorstellbar, dass Anne-Marie bloss in einen Spiegel spricht – als Selbstgespräch einer alten Frau, deren Leben sich auf ein Dreieck zwischen Wohnung, Supermarkt und Café verkleinert hat. «Ich hatte ein glückliches Leben, wissen Sie», ist als Floskel erkennbar. In Sätzen wie «Das Rad des Schicksals war für mich immer ein Schreckensbild», funkelt Yasmina Rezas philosophisches Spötteln.

Liebevolle Schonungslosigkeit

Wie Anne-Marie unverblümt mit Genugtuung ihr langweilig-solides Leben dem privaten Scheitern der ehemaligen Rivalin gegenüberstellt, ist rührend entlarvend. Und wenn Anne-Marie erzählt, sie habe früher Fotos von Brigitte Bardot ausgeschnitten, in ein Album geklebt und unsichtbaren Besuchern das Album als eigene Biografie ausgegeben, findet Yasmina Reza wieder ein Bild, in dem sie die kleinen Abgründe ihrer Figuren mit liebevoller Schonungslosigkeit serviert. Man freut sich schon auf die Bühnenfassung des Buches.

Annie Ernaux: Eine Frau, ­Suhrkamp, 89 Seiten.
Yasmina Reza: Anne-Marie, die Schönheit, Hanser, 79 Seiten.

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Autor

Hansruedi Kugler

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