Interview

Altrocker Udo Lindenberg: «Niemand kann über mich bestimmen»

Udo Lindenberg, deutscher Rocksänger.Tina Acke

Udo Lindenberg, deutscher Rocksänger.Tina Acke

Udo Lindenberg liefert mit fast 70 Jahren ein weiteres Album. Der Rocker kanns noch immer.

Im edlen Atlantic-Hotel an der Hamburger Alster, seit vielen Jahren Udo Lindenbergs Zuhause, herrscht nach Mitternacht immer noch buntes, international anmutendes, Treiben, vor allem an der Bar. Hier verbringt Lindenberg gern seine Abende, redet mit den Leuten über Gott und die Welt, und kommt so auf Ideen für neue Songs.

Udo, es ist halb eins in der Nacht. Wie sah dein Tagesablauf aus?

Udo Lindenberg: So wie immer. Ich penne bis um halb zwei mittags, dann stehe ich auf und vollbringe mein Tagwerk. Ins Bett gehe ich so zwischen fünf und sechs Uhr morgens, gegen halb sieben schlafe ich ein.

Spürt ein Udo Lindenberg eigentlich den Druck, wenn alle Welt so lange und voller Vorfreude auf ein neues Album wartet?

Ein bisschen Bammel hat man natürlich schon nach diesen Riesenerfolgen in den letzten Jahren. Aber während der Produktion wurde ich mir meiner Sache immer sicherer, und jetzt freue ich mich, dass das Album so gut ankommt.

Die Lieder werden einem beim Hören irgendwie schnell zum Freund.

Das ist schön. Stimmt, so eine Vertrautheit stellt sich schnell ein. Das liegt auch daran, dass wir die Stimme ganz weit nach vorne gemixt haben, mein Gesang ist also sehr gut zu verstehen.

Warum wollen sich die Leute ausgerechnet von dir durch die schweren Zeiten tragen und sich trösten lassen?

Weil Resignieren einfach nicht mein Ding ist, und das spüren die Leute genau. In meinem Leben gab es heftige Ausschläge nach oben und unten, aber Aufgeben kam für mich nie infrage, es muss ja weitergehen, und glücklicherweise geht es auch fast immer weiter. Mein Leben insgesamt ist ein grosses Geschenk. Ich fühle mich sehr privilegiert. Manche sagen «Willst du nicht mal in Rente gehen?», aber ich erfinde mich lieber immer wieder neu und bleibe das ewig junge Talent. Mein Leben, speziell die Zeit auf der Bühne, hält mich gut in Schwung. Es geht immer weiter.

Du sagst in «Mein Body und ich»: Andere hätten bei so einem Leben längst den Löffel abgegeben. Dabei wirkst du heute frischer und fitter denn je. Woran liegt das?

Das liegt auch daran, dass ich meine Trinkgewohnheiten verändert habe. Früher trank ich nach der Mengenlehre, also «mehr ist mehr», und das so ziemlich rund um die Uhr. Auch andere Gifte habe ich probiert, aber nicht nur, um mich wegzuschädeln, sondern auch, um weit in die Welt rauszuschwimmen und dort draussen neue Kicks und Ideen für Texte und Lieder zu finden. Dann habe ich überzogen, und die Sucht wurde der Chef. Ich wäre fast gestorben damals.

Abgeschworen hast du dem Alkohol aber nicht, wie man sieht.

Nein, aber heute saufe ich viel gezielter.

Was machst du sonst für deinen Body?

Ich gehe joggen, Ich renne jede Nacht, meist an der Alster oder im Tiergarten in Berlin. Eine halbe Stunde, maximal eine Stunde lang. Diese Power tut mir unheimlich gut. Ich brauche die Kondition auch für die Bühne.

Erkennt dich niemand?

Nein. Ich habe beim Laufen einen Hoodie an. Darin erkennt mich kein Mensch.

Freust du dich auf deinen 70. Geburtstag am 17. Mai?

Der Tag selbst wird ein Tag wie jeder andere, der ist mir egal. Aber die 70 als solche, die finde ich höchst amüsierend. Wie auch mein Freund Klaus Doldinger, der 80 wird und gut dabei ist, immer sagt: Alter steht für Radikalität und Meisterschaft, nicht für Durchhängen. Es wird allerdings Zeit, dass ich schnell hinüber wechsle auf die andere Seite der 70, denn 69 ist ein gefährliches Alter. David Bowie und Lemmy waren beide 69, als sie starben.

In «Plan B» singst du, dass es ganz schön geil ist, du zu sein. Was ist das allergeilste am Udo-Lindenberg-Sein?

Dass ich jeden Tag machen kann, was ich will. Das ist das Allergeilste überhaupt. Es gibt schon sehr lange keinen mehr, der mir was erzählt, mir Vorschriften macht. Ich bin früh von zu Hause abgehauen und bin selten auf Leute getroffen, die in meine Seele reingrapschen und darin herumfleddern konnten. Niemand kann über mich bestimmen, ich bin mein eigener Herr. Das ist das Schönste, was es gibt.

Gemäss deinem Lebensmotto «Mach dein Ding»?

Ja, total. Ich kann wirklich jedem Menschen nur empfehlen, sich nicht verbiegen zu lassen. Diese Bedenkenträgerei, nee, das ist nichts für mich. Ich bin lieber einer von der Entdeckersorte, ein moderner James Cook.

Wie schafft man es, so gelassen zu werden wie du?

Ich sehe die Dinge immer in Relation. Dazu gucke ich mir die ganze Welt an, die schreiende Not und das Elend, das es überall gibt. Deshalb finde ich es albern, sich hier über irgendwelchen Kleinkram zu erregen. Wir können hier doch froh sein, wie gut es uns geht. Ausserdem: Allüren und Eitelkeiten, das brauche ich alles nicht.

Traust du dir zu, selbst Wutbürger zu beruhigen?

Mit der Musik alleine nicht. Dazu müsste ich mich mehr in den politischen Alltag einschalten, was ich durchaus auf Dauer nicht ausschliesse. Aber im Moment bin ich noch zu sehr mit der Musik und mit meinen grossen Shows beschäftigt.

Machen dir die Zustände in der Gesellschaft Sorgen?

Wenn ich mir diese Leute angucke, die sich nicht verstanden fühlen, die Ängste haben, die zurück ins Mittelalter wollen mit Zäunen und totaler Abschottung, dann kommt mir manchmal die kalte Wut. Da fehlen aber auch die Politiker, die vermitteln können.

Du stehst für Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit.

Stucki (der Autor und Lindenberg-Freund Benjamin von Stuckrad-Barre) sagt, ich bin kein Zyniker. Das stimmt. Jimmy Page, Bob Dylan, Lou Reed, ich habe sie alle ein bisschen kennen gelernt, sie alle wurden zynische Grantler oder drehten dem Publikum den Rücken zu. Das ist für mich kein Weg.

Obwohl alle denken, sie kennen dich, gibt es da auch noch eine Art inneren Udo?

Ja. Ein bisschen Geheimnis, ein bisschen Intimsphäre ist sehr wichtig. Auch und gerade weil ich so öffentlich lebe, brauche ich das, nur mit mir selbst zu sein.

Du hast immer Leute um dich herum. Kannst du überhaupt alleine sein?

Ja. Sehr gut sogar. Nachts bin ich alleine. Wenn ich male. Oder wenn ich renne, mit Robert Schumann, Gustav Mahler oder Lady Gaga auf dem Kopfhörer. Ich mag die Begegnung mit mir selber. Aber ich bin vor allem ein geselliger Mensch, das stimmt. Ich wohne ja mit Bedacht im Hotel. Gerade hier ins Atlantic kommen die unterschiedlichsten Leute – vom kleinen Trickbetrüger bis zu den Oberganoven aus Politik und Wirtschaft.

Du musst ja eine wahnsinnig gute Menschenkenntnis haben.

Hehe, die habe ich in der Tat. Ich war ja früher Privatdetektiv. Mit 13 hatte ich einen Fernkurs belegt, in der «Detektivschule Sonnenschein» in Zürich, da konnte man unerkanntes Anschleichen üben und so was. Detektiv war früher mein Traumberuf, und irgendwie bin ich ja einer geworden.

Du bist die Ikone schlechthin. Hast du dich in den vergangenen 30, 40 Jahren überhaupt verändert?

Nö, nicht so. Obwohl, ich bin jetzt wieder sicherer und selbstbewusster, was den Streifen angeht, den ich so durchziehe. Ich hatte auch experimentellere Zeiten, wo ich überlegt habe, wie ich von einem Jugendidol zu einem Rock-’n’-Roll-Chansonnier werden kann. Aber im Grossen und Ganzen bin ich doch der Gleiche geblieben.

Wie kommt es, dass insbesondere Kinder dich so toll finden?

Die können mit den Texten schon was anfangen und merken «Da geht es um was». Ausserdem finden Kinder diesen Typen irgendwie interessant, crazy, mysteriös, witzig (lacht).

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