Lenzburgiade

Alte Klänge mit Hühnerhauteffekt zur Eröffnung

Mit einem fesselnden Konzert eröffneten Gambistin Hille Perl und Freunde den Jahrgang 2017.

Gemeinsam mit ihren drei Mitmusikern und dem fünfköpfigen Vokalensemble Amarcord begab sich die deutsche Gamben-Spezialistin Hille Perl in Lenzburg auf das Feld spanischer Renaissance-Musik. Dabei hatten die Ensembles, beide bestehend aus Spezialisten für Alte Musik, ein dramaturgisch packendes und durchdachtes Programm zusammengestellt, das die Zuhörerinnen und Zuhörer in eine vergangene Welt entführte – in eine Welt, in der gekämpft, gefallen und ausgiebig getrauert wurde. Ganz passend war also das musikalische Ende des Konzertes mit dem ergreifenden Lamento «Triste Espagne» von Juan des Encina.

Das Madrigal schloss den Kreis, der mit Mateo Flecha el Vells «La Guerra» aufgegangen war. Dazwischen sorgten die schmerzhaften Dissonanzen in Francisco Guerreros «Mi ofensa’s grande» (und eine Menge weiterer bewegender Passagen) für Hühnerhaut, und süss-schmerzliche Gamben-Gesänge wechselten sich mit innigen Gitarrenimprovisationen ab. Letzteres geschah auch einer Amsel, die sich ein schwelgerisches Duett mit Lee Santana an der Vihuela (einem historischen Vorläufer der modernen Gitarre) erlaubte – eine Besonderheit von Konzerten unter freiem Himmel.

Lenzburgiade: Der Aargauer Kultursommer

Lenzburgiade: Der Aargauer Kultursommer

Musikerinnen und Musiker aus aller Welt treffen sich auf dem Schloss Lenzburg. Zur Eröffnung wurden alle ins 15. Jahrhundert von Spanien geführt.

Ein Renaissance-Drama

Das Ensemble um Hille Perl und die Sänger von Amarcord hatten ein stringentes Konzertprogramm komponiert, welches das Renaissance-Erlebnis an diesem Abend noch zusätzlich intensivierte: Der Amarcord-Bassist Holger Krause und der erste Altus, Wolfram Lattke, webten immer wieder lesend Auszüge aus der «Romance de la muerte de Don Beltrám» ein. Der altspanische Text handelt von einem Vater, der sich auf die Suche nach seinem Sohn macht und diesen schliesslich tot auffindet. Diese beiden Figuren schwebten über den weltlichen und geistlichen Madrigalen und den Instrumentalstücken und verbanden sie zu einem stimmigen Ganzen, zu einem eigentlichen musikalischen Renaissance-Drama.

Hille Perl (Viola da Gamba), Lee Santana (Vihuela und Citra), Hugo Miguel de Rodas (Theorbe und Gitarre) und Michael Metzler (Perkussion) gehören zur ersten Riege der Spezialisten für historische Instrumente und Musik. Diese exzellenten Musiker beseelten die Werke aus dem 15. und 16. Jahrhundert mit ihrem feinen, einfühlsamen Spiel aufs Schönste und waren hervorragend auf ihre vokalen Partner abgestimmt.

Grosser Facettenreichtum

Amarcord sind fünf Sänger, die einst gemeinsam beim Leipziger Thomas-Chor sangen und sich 1992 zu einem Ensemble formierten. Das Ensemble, bestehend aus zwei Tenören, einem Bariton und zwei Bässen, wird immer wieder für seinen strahlenden Klang und seine Homogenität gelobt – es zeigte bei seinem Auftritt an der Lenzburgiade 2017 in beeindruckender Art weshalb. Ein grosser Facettenreichtum war zu erleben, wenn die fünf Sänger wechselten zwischen einstimmig oder mehrstimmig, begleitet oder a cappella, tieftraurig oder voller Witz (zum Beispiel in den Instrumenten-Persiflagen in Mateo Flecha el Vells «La bomba»).

«Meine Religion ist die Liebe»

«Meine Religion ist die Liebe», heisst es in einem Gedicht des sufistischen Gelehrten Ibn Arabi aus dem 12./13. Jahrhundert. Mit dem Gedicht, gelesen zuerst auf Arabisch, dann auf Deutsch, fand das Programm einen schönen Schlusspunkt — zum einen als versöhnliches Moment nach dem vielen Kriegen und Sterben in den erklungenen Gesängen, zum anderen als feiner und unaufdringlicher Hinweis auf das Aktuelle im Alten. Ibn Arabi schrieb: «Meine Religion ist die Liebe: Welchen Weg auch immer die Karawane der Liebe nehmen möge, es ist der Weg meines Glaubens.»

Wer das Glück hatte, diesem erlebnisreichen Konzert zu lauschen und die wunderbare Atmosphäre unter dem freien Himmel über dem Lenzburger Schlosshof zu geniessen, wird womöglich wieder kommen und eines der weiteren Konzerte der diesjährigen Lenzburgiade besuchen. Das Festival dauert noch bis zum 18. Juni und bietet Klassische Musik auf dem Schlosshof sowie Folk-Musik auf dem Metzgerplatz in Lenzburg.

Lenzburgiade Noch bis 18. Juni.

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