Weil für ältere Menschen die Zukunft immer absehbarer wird, erlauben sie sich gerne weite Ausblicke in die Vergangenheit. So diskutierte ich letzthin mit zwei Frauen gesetzteren Alters über unsere Jugendlektüren. Dabei kam mir in den Sinn, dass ich mal die «Schweizer Jugend» abonniert hatte. Ich erinnere mich noch gut, dass die Zeitschrift von einer kleinen Frau mit rötlichen Haaren aus dem Neuquartier ausgetragen wurde und ich deren Erscheinen jeweils mit Ungeduld erwartete.

Von diesem Periodikum hatten meine Diskussionspartnerinnen noch nie was gehört, denn sie lasen zu Zeiten das «Bravo»-Heftli. Die eine der Damen erinnerte sich gar an eine Frage an die Sexualberatung, ob es stimme, dass es beim Orgasmus einen Knall gebe. So was wäre natürlich in der «Schweizer Jugend» undenkbar gewesen. Dafür ist meine Zeitschrift älter als alle vergleichbaren Jugendzeitschriften im deutschen Sprachraum. Sie wurde nämlich anno 1927 als «Schweizer Schüler» gegründet. Im 77. Jahrgang wurde sie für ein halbes Jahr eingestellt und firmiert nun bis auf den heutigen Tag als «4-Teens».

 Verunglückte Wortspiele

Naja, von taufrischer Originalität ist der Titel auch nicht mehr. Kürzlich sah ich ein Fahrlehrer-Auto mit «3ve Coach» angeschrieben. Eigentlich würde es ja «driving coach› heissen, aber so pedantisch will man dann auch nicht sein. Total verunglückt ist aber das Wortspiel, das für die Skulpturenausstellung in Bad Ragaz ausgedacht worden ist: Bad RagARTz. Das ist nun etwa ähnlich brillant, wie wenn einer über einen Gartenhag springt und sich dabei ein Bein bricht.

Da waren wir ja als Junglümmel, die wir die Rekrutenschule in Thun zu absolvieren hatten, besser, als wir kalauerten: «Thun ist schön, nur nichts tun ist schöner!» Überhaupt sollte es geboten sein, das Wort «Ragaz» unberührt zu lassen, weil es gut klingt, und kein Mensch weiss, was es überhaupt heisst. Ein Wort-Findling sozusagen.

Dreimal täglich die NZZ

 Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern jemals ein Buch gelesen hätten. Wir hatten zu Hause zwar ein Bücherschränkchen, in dem Bücher standen wie Leon Uris «Exodus», Simmels «Es muss nicht immer Kaviar sein» oder ein Buch über Hjalmar Schacht, den Bankier Hitlers. Meine Mutter las die «Sie + Er», die «Schweizer Illustrierte» und die «Annabelle». Der Vater «Finanz und Wirtschaft», die «Appenzeller Zeitung» und den «Sarganserländer».

Letztere wurde «d’ Färli-Zitig» genannt, weil in ihr sehr oft Inserate geschaltet waren, in welchen Ferkel zum Verkauf angeboten wurden. Das Über-Periodikum jener Zeit aber war eindeutig die «NZZ». Die kostete damals zwanzig Rappen und erschien dreimal am Tag: am Morgen, am Mittag und gegen Abend. Wenn sich also einer auf einem abgelegenen Hügel den Pöstler zu seinem Todfeind machen wollte, brauchte er bloss die «NZZ» zu abonnieren.

 Kommt mir noch in den Sinn: Das beste Wortspiel, das ich kürzlich gelesen habe, ist kein Wortspiel, sondern ein Spiel mit der Betonung. In seinem neusten Buch «Aber gibt es keins» schreibt Beat Sterchi in grossen Lettern über eine ganze Seite: «Einfach sein»: Einfach sein – einfach sein. Tiefgründig einfach – wie alles Wahre.