Christian Haller

Als armer Autor ernährte er sich von Büchsenravioli und hauste in einer Billigwohnung

Christian Haller

Christian Haller

Erst mit 59 Jahren anerkannt: Christian Haller erzählt vom mühsamen, langen Weg zum beachteten Schriftsteller.

Wieso stürzt sich ein gut 40-Jähriger aus einer gut bezahlten Stelle am Gottlieb-Duttweiler-Institut in die Armut und jahrelange Missachtung als Schriftsteller? Christian Haller hat genau dies getan, hauste mit seiner Partnerin in einer Billigwohnung, kassierte jahrelang nur Absagen von Verlagen und ernährte sich von Büchsenravioli, bis sein Erspartes aufgebraucht war und er wieder bei der Mutter einziehen musste. Davon erzählt Haller im letzten Band seiner autobiografischen Trilogie.

Es wird fast zwanzig Jahre dauern, bis er im Luchterhand- Verlag Anerkennung findet. Da ist er bereits 59 Jahre alt und hat eine frühe Demütigung an den Solothurner Literaturtagen erdulden müssen. An seiner ersten Lesung sei ihm von einem Mitglied der Programmkommission öffentlich vorgeworfen worden, was er da schreibe, sei gar keine Literatur. Tapfer aber hält er an seinem Plan fest, bis er schliesslich zu seinen Themen findet und erkennt: Gute Literatur bekommt oft erst durch den Aufprall auf die harte Realität des eigenen Lebens an Kraft.

Lohnende Einblicke ins Schriftstellerleben

Nun ist es eine merkwürdige Idee, dass sich Leserinnen und Leser dafür interessieren sollen, wie ein Schriftsteller zum Schreiben gefunden hat. An Lesungen wird das zwar gerne gefragt, in Romanen ausgebreitet, werden solche selbstbezüglichen Erzählungen aber oft zu Ladenhütern. Gut möglich, dass es Hallers neuem Buch ebenso ergehen wird. «Roman» ist ja als Gattung nicht ganz korrekt. Viel eher ist «Flussabwärts gegen den Strom» ein offenherziger und schonungsloser, in trockener Sprache vorgetragener Bericht. Wenn man von Schwächen des Buches absieht – der nüchterne Erzählstil ist humorlos, allzu ernsthaft und von bisweilen pathetischer Metaphorik (sein Leben empfindet er als Krater nach «Asteroideneinschlägen») –, wird man auf der Faktenebene belohnt: mit einem detailstarken Bericht über sein Schriftstellerleben.

Da ist zum Beispiel sein originelles Liebesleben, für das ihm seine nach einem Hirnschlag invalide Lebenspartnerin Beziehungen zu anderen Frauen erlaubt. Oder die bohrenden Schuldgefühle, dass er das Schicksal seiner Partnerin und seiner Familie für seine Literatur benutzt. Oder die intensive Recherche seiner Familiengeschichte und seiner Vorfahren, die ihn bis ins jüdische Viertel von Bukarest führt und ihm die Härte des Grossvaters, die Sentimentalität der Mutter und die Gebrochenheit des Vaters erklärt. Da erst öffnet sich das Material für seine Romane.

Eine weitere Stärke des Buches: Haller lässt den Leser diesen Schriftstellerwunsch mal als zwanghaft belächeln, dann aber auch wieder als existenziell bedeutsam anerkennen. Denn darin liegt der Subtext des Berichts: Nichts bringt einen so nah ans Leben wie die Literatur.

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Autor

Hansruedi Kugler

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