Mailand

Alles so schön Oper hier

Dass die Saisoneröffnung an der Scala Mailand fulminant ist, liegt auch am Drumherum.

Im Normalfall beginnen Opern mit der Ouvertüre und enden mit dem Finale furioso. Diesmal gabs das Finale furioso schon am Anfang. Aber es geht hier ja auch nicht um irgendeine Oper an irgendeinem Haus. Nein, die Rede ist von La Scala (der weltberühmten Oper in Mailand), von der Saisoneröffnung (das Volksfest der oberen Zehntausend), und das erst noch von Verdi, dem musikalischen Nationalhelden Italiens.

Darum beginnt das Drama bereits Wochen, bevor der Vorhang hochgeht: mit der lange im Voraus bestellten Pressekarte. Denn nun – tatatata – möchte die Journalistin diese bestätigt kriegen. Doch La Scala schweigt. Sie schweigt und schweigt auf mehrere Mails; nach dem Konfrontationskurs per Telefon verspricht sie, sich der Karte – certo, certo – anzunehmen – und schweigt dann weiter. Das ist zu viel an Ouvertüre für die doch ziemlich helvetisch sozialisierte Journalistin. Die Folge? Ein halbes Nervenzusammenbrüchli nebst lauthals gesungenen Rache-Arien, bis schliesslich ein italienischstämmiger Kollege der Klärung des soziokulturellen Missverständnisses dienlich ist: «In Italien gehört das Theater vorher dazu. Am Ende ist alles gut.» Der Kollege hat recht. In beiden Punkten.

Die Oper ist Italien

Wobei er eines möglicherweise gar nicht zu wissen brauchte: Oper ist in Italien nie «nur» Oper. Nein. Die Oper ist Italien. Dazu gehört etwa, dass das Orchestra del Teatro alla Scala Jahr für Jahr die Saison statt mit Verdi und Co. mit dem lupfigen «Italia, Italia» der Nationalhymne eröffnet – begleitet vom kollektiv mitsingenden Publikum. Man stelle sich vor, das Theater Basel oder die Oper Zürich würde jede Saison mit «Trittst im Morgenrot daher» einläuten ...

Anders das Mailänder Publikum. Dieses dankt der Scala seinen Auftritt auch optisch und wirft sich für die Eröffnungsgala nach allen Regeln der Kunst – und auch mal darüber hinaus – in Schale. So viel Glitzer, Pelz und Hyaluronsäure war nie. Neben den Bayreuther Festspielen ist dies wohl das einzige Opernereignis, bei dem die Menschen im Parkett spektakulärer aussehen als jene auf der Bühne.

Sehen und gesehen werden

Dafür, dass so viel Glanz und Gloria auch einen exklusiven Rahmen erhält, sorgt eigens die Polizei, welche das Opernhaus bereits mittags grossräumig abriegelt. So wird das Ticket (mithilfe des obligaten Pelzmantels) zur Eintrittskarte in die Welt der Auserwählten – derweil hinter der Abschrankung Demonstranten am Megafon ihren Protest gegen die Hochkultur skandieren. Da nützen auch die öffentlichen Streamings wenig, es lebe die fröhliche Zweiklassengesellschaft.

Insofern ist für einen Teil des Publikums auch die zwanzigminütige Pause der eigentliche Höhepunkt des Abends – schliesslich funktioniert sehen und gesehen werden im dunklen Zuschauersaal nur halb so gut. Dafür wird in der Pause umso fleissiger gelächelt und gesmalltalkt – alles höchst fotogen, denn im Foyer stehen sich Presse und Paparazzi gegenseitig auf den Füssen. Doch wer nach dem diskreten Pausensignal bei drei nicht auf den Bäumen, pardon: im Parkett ist, wird nicht vorgelassen und muss sich die erste Szene vom Hintereingang aus ansehen. Da nützt auch keine Gala-Robe mehr.

Wie war das nochmals? Oper ist Italien und Italien ist Oper. Das wusste auch schon Komponist Giuseppe Verdi. Wohl deshalb kommt in seinem Drama «Attila», das Wort «Italia» gefühlt hundertfach vor: Mal zum orchestralen «hm-ta-ta-ta» heroisch geschmettert, mal von Streichern gestreichelt und schmerzensreich gedehnt.

Denn in diesem Dramma lirico geht es – wie könnte es anders sein? – um Italien, und zwar um ein Italien, das vom brutalen Hunnenkönig Attila (Ildar Abdrazakov) überfallen und geknechtet wird: «Gib uns Italien zurück, und du kriegst dafür das ganze Römische Reich», lässt man dem Barbaren ausrichten. Doch der schlägt ab: Denn – so der Subtext – warum sollte er auch ausgerechnet das Filetstück Europas wieder hergeben?

Es wird also die Wut und den Mut von Odabella brauchen, um die geliebte Heimat zu befreien. Sie bandelt zum Schein mit Attila an und ermordet ihn mit eigenen Händen. Das ist bei aller Drastik an diesem Abend sehr schön gesungen: von Attila keinesfalls blutrünstig-schmetternd, sondern eher nachdenklich – als ahnte er seinen Untergang. Seine Gegenspielerin Odabella (Saioa Hernández) verströmt dagegen stimmliche Grandezza und einen unbeirrbaren Fokus, der ihrem Racheplan Glaubwürdigkeit verleiht. Ihr Verlobter Foresto (Fabio Sartori) ist tenorale Kühnheit pur bei etwas hauchigem Timbre. Doch da hat man noch gar nicht vom Orchestra del Teatro alla Scala gesprochen. Geleitet von Dirigent Riccardo Chailly legt dieses so viel Tiefe und Ernst in die Töne, so viel Schönheit auch in die kleinsten Begleitfiguren, als ginge es nicht nur auf der Bühne um Leben und Tod, sondern auch ganz real um eine Lebensphilosophie.

Vielleicht tut es das auch. Schliesslich haben die Italiener vor 500 Jahren die Oper ja erfunden. Und im Gegensatz zu den ursprünglich chinesischen Spaghetti ist sie damit Ausdruck originaler Italianità. Tatsächlich galt sie jahrhundertelang als kulturelles Lebenselixier des Landes, war der Sound auf dem Stiefel, damals spielte «La donna e mobile» mit «Azzurro» in derselben Liga, capito?

Das ist heute anders. Denn in vielen Städten (Mailand gehört selbstredend nicht dazu) kämpfen die Häuser heute mit prekären Finanzen. Ob dies im Zusammenhang steht mit dem flächendeckenden Privatfernsehen, powered by Berlusconi, das seit Jahrzehnten anstelle etablierter Bühnen das Bedürfnis der Italiener nach «Grandi Emozioni» befriedigt? Mit Talkshows und Misswahlen – und damit erst noch zeitsparender als mit Verdi, da man, um Miss zu werden, nicht jahrzehntelang ein Instrument üben muss (das wäre angesichts des jugendlichen Missen-Alters schlicht nicht möglich).

Zu konkret?

Vielleicht gingen Regisseur Davide Livermore ähnliche Gedanken durch den Kopf, als er die Inszenierung von Attila konzipierte. Seine Inszenierung lehnt sich jedenfalls deutlich an das Genre Film an. Mit einer Kulisse, die spektakuläre Videos heranzieht: Da brennen die Städte, da rauchen die Ruinen und da darf man ganz explizit und in Grossaufnahme den Mord an Odabellas Vater anschauen, der die junge Frau zur glühenden Rächerin macht. Ob das zu konkret ist? Gut möglich. Ebenso möglich ist aber, dass es gerade auch jene Generationen abholt, die Verdi und Rossini nicht mehr blindlings pfeifen können und sich im obligat verworrenen Opern-Plot erst mal verirren müssten. In diesem Fall wäre Davide Livermores Regie eine der klügsten Inszenierungen Italiens: bravo!

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