Klassik

Aargovia Philharmionic: ein Konzert, zwei Höhepunkte

Grosser Auftritt für das Argovia Philharmonic im Konzertsaal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern: Unter der Leitung von Chefdirigent Douglas Bostock führen die Musikerinnen und Musiker neben Franz Schuberts unvollendeter auch Ludwig van Beethovens 9. Symphonie auf.

Grosser Auftritt für das Argovia Philharmonic im Konzertsaal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern: Unter der Leitung von Chefdirigent Douglas Bostock führen die Musikerinnen und Musiker neben Franz Schuberts unvollendeter auch Ludwig van Beethovens 9. Symphonie auf.

Mit der 2. Sinfonie beendet das Argovia Philharmonic erfolgreich den vor zwei Jahren in Angriff genommenen Beethoven-Zyklus.

Ein Grossprojekt dieser Art zeugt nebst dem Können auch vom Selbstverständnis des Aargauer Orchesters: Man hat das künstlerische Format, eine anspruchsvolle Aufgabe über längere Zeit hinweg konsequent zu verfolgen und zu einem stimmigen Abschluss zu bringen. Am vergangenen Sonntag im Kultur- und Kongresshaus Aarau war es also so weit. Die letzte verbleibende der Beethovenschen Sinfonien wurde gespielt, flankiert von Bach und Brahms in Orchesterversionen von Webern beziehungsweise Schönberg.

Zwei Töne reichen als Statement

Dem Orchester reichten gerade mal zwei Töne, um ein Statement abzugeben. Ein Statement zur Kompaktheit und gedanklichen Geschlossenheit. Der Allegro-Teil des ersten Satzes bestach durch selbstsichere Coolness. Diese erreicht nur, wer das Material vorab in harter Arbeit derart verinnerlicht hat, dass er bei der Aufführung alles Gelernte getrost vergessen darf und den Fokus einzig auf die Musik legen kann.

Im folgenden, ruhigeren Larghetto fiel eine motivische Entwicklung besonders auf. In ihr vereinen sich Intensivierung einerseits und ausgeprägter Echoeffekt andererseits, was Beethoven einen modernen Anstrich gibt. Der dritte Satz, in der Einführung noch «fratzen- und gnomenhaft», ja «an der Grenze zum Wahnsinn» gescholten, benahm sich eigentlich recht artig und durchweg vernünftig. Es ist wahr, im Scherzo gibt es eine rhythmische Akzentverschiebung (Takte 21 und 25).

Aber das ist nicht, wie moniert, ein Stolperstein, sondern ein funkelnder Diamant: Für eine kurze Zeit entsteht der Eindruck, als würde 4/4 über ¾ gespielt. Dank der kompakten Interpretation des Argovia Philharmonic bleibt der Blick auf den Gesamtzusammenhang stets frei, sodass man sich darin nicht verliert. Das Finale, allegro molto, war mitreissend, aber nicht aufdringlich, als würde man am Ärmel gezerrt, sondern wie ein guter Gedanke, der beflügelt. Dem Publikum gefiel es. Auch die strahlenden Gesichter von Musikern und Dirigent sprachen Bände: Ein würdiger und gelungener Abschluss des Sinfonien-Zyklus ist geglückt.

Detailversessenheit

Den zweiten Höhepunkt des Abends machte die schönbergsche Orchesterfassung von Johannes Brahms’ Klavierquartett (op. 25). Über das ganze Stück hinweg, immerhin eine Dreiviertelstunde lang, war alles gut durchdacht. Man konnte hören, wie jedes Detail klanglich sorgfältig ausgearbeitet und achtsam abgerundet wurde. Hier ein paar dahingeworfene Bläserakkorde, da ein kurzes Klarinettensolo; plötzlich aufblitzende, perkussive Raffinessen oder zarte Streicherkaskaden, was es auch war – nichts wurde dem Zufall überlassen.

Die konzentrierte Differenzierung der musikalischen Elemente machte sowohl deren Verschiedenheit wie auch Zusammenhalt möglich. Diese wahrhaft meisterliche Leistung von Douglas Bostock und dem Argovia Philharmonic wurde zu Recht mit einer Standing Ovation gefeiert. Einen schwierigeren Stand hatte Weberns Version der «Ricercata» von Bach. Das mag daran liegen, dass die beiden Orchestrierungen unterschiedlich funktionieren. Schönbergs Version von Brahms ändert nichts Wesentliches am Charakter des Stücks.

Sie ist eher ein Verstärker des vorhandenen Gedankens. Webern hingegen dekonstruiert den Notentext von Bach, indem er die einzelnen Stimmen weiter aufbricht (in Instrumentengruppen zum Beispiel). Der Unterschied lässt sich wie folgt verdeutlichen: Während beim ersten das «WICHTIGE IN GROSSBUCHSTABEN» steht, «zer setztun d regrupp iert» der zweite das Ausgangsmaterial.

Dennoch bleibt es wunderschöne Musik. Es braucht nur eine kurze Angewöhnungszeit, bis das Hirn die nötigen synthetisierenden Operationen sozusagen von alleine vornimmt. Dann aber merkt man, wie viel schwärmerische Romantik eigentlich in diesem Bach-Webern-Werk steckt. Es war ein spannender und richtig guter Abend, der Lust auf mehr Experimente macht, wohin auch immer diese führen mögen.

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