Aargauer Literatur
Aargauer Autor über wahre Geschichten und wilde Abenteuer

13 Jahre lang bereiste der Aargauer Schriftsteller Michael Hugentobler die Welt. In seinem neuen Roman «Feuerland» schickt er ein Buch auf eine fiebrige Reise.

Anna Raymann
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Autor und Journalist Michael Hugentobler inmitten seiner Bücher.

Autor und Journalist Michael Hugentobler inmitten seiner Bücher.

Britta Gut

Die Geschichte des Wörterbuchs der Yamana hat den Aargauer Autor Michael Hugentobler wie ein Geist durchfahren. Er war auf Weltreise, 2002, am südlichsten Zipfel Patagoniens. Als ein Windstoss durch das Lagerfeuer fegte, an dem er mit seinem Begleiter sass. Im Nachklang erzählte dieser Hugentobler die Geschichte vom Missionar Thomas Bridge, der um 1880 die Sprache eines aussterbenden patagonischen Stammes akribisch dokumentierte.

«Bücher sind unsterblich. Ein Buch als Protagonist erlaubt eine Geschichte zu erzählen, die länger ist als ein Menschenleben.»

Fast 20 Jahre später zeichnet Michael Hugentobler nun in seinem Roman «Feuerland» diese Geschichte weiter bis in die 1930er Jahre, als die Nationalsozialisten beginnen, Bibliotheken zu plündern. «Feuerland» ist die Biografie eines Buches. «Bücher sind unsterblich. Ein Buch als Protagonist erlaubt eine Geschichte zu erzählen, die länger ist als ein Menschenleben», sagt Hugentobler, zugeschaltet per Video aus seiner Schreibkammer, der blanke Kopf umrahmt von Büchern. 2018 landete er mit «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» sein Debut. Auch den Hochstapler Louis entdeckte der Autor auf seiner Weltreise.

Eine wahre Geschichte ohne Helden

Beide Geschichten gründen auf Tatsachen, das Wörterbuch der Yamana liegt heute in der «British Library» und auch die menschlichen Protagonisten existierten. Hugentobler verhakt in bildhaften Ausdrücken Kontinente, Zeiten, Schichten ineinander. In Ushuaia schlägt die kindliche Neugier von Thomas Bridge in religiösen Eifer um, der Professor Ferdinand Hestermann sitzt rastlos in ruckelnden Zügen und im Berner Jura feiern Nazis ein dekadentes Fest.

Michael Hugentobler: «Feuerland»

Michael Hugentobler: «Feuerland»

Die Geschichte kommt ohne Helden aus. Der Kette rauchende Professor und der verarmende Missionar, dessen Bekanntschaft der Autor einst am Lagerfeuer gemacht hatte, gleichen sich in ihrer Unbeholfenheit. Beide werden in Kämpfe gelenkt, die sie nicht gewinnen können - der eine vom tatsächlichen Krieg, der andere von einer dahin raffenden Seuche, die das Land bedroht, in dem die Menschen «nicht nach Schwein», sondern nach «Tran» riechen.

Je mehr den Männern ihre Wirkmacht entgleitet, desto fester krallen sie sich an das, was ihnen bleibt. Dies ist ganz physisch gemeint. Das Wörterbuch (und den lila Pyjama seiner verstorbenen Frau) trägt der Professor stets bei sich. Der Missionar füllt mit den Wörtern eine Seemannstruhe so schwer, dass er sie kaum tragen kann und dennoch nicht loslässt. Das Gewicht der flüchtigen Sprache eines aussterbenden Volkes.

Reisen wie in «80 Tagen um die Welt»

Michael Hugentobler beschreibt ein Patagonien, das er selbst erlebte. «Ich könnte niemals über einen Ort schreiben, den ich nicht kenne», sagt er. Während 13 Jahren hat Hugentobler die Welt bereist. Mit gerade einmal zwölf Jahren wollte er einst leben wie Phileas Fogg aus «In 80 Tagen um die Welt». Sein Berufswunsch «Reporter» wie in «Tim und Struppi».

«Ich kann mich im Aargau ebenso fremd fühlen wie in Hanoi»

Nach einer kurzen Eskapade als Pöstler – auch der ist stets unterwegs – kehrte Hugentobler der Schweiz für viele Jahre den Rücken. Unterwegs las er alles, wozu ihm in der Jugend die Musse fehlte. Und unterwegs war er so lange, bis ihm das Ankommen egal geworden war: «Ich reiste, weil ich das Gefühl des Fremdseins geniesse. Aber ich kann mich im Aargau ebenso fremd fühlen wie in Hanoi». Zuoberst im Regal stehen Andenken Spalier, die griechische Büste einträchtig neben dem Ganesha. Im Setzkasten drängen sich Klapperschlangen-Schnaps, Voodoo-Puppe und eine Fotoserie aus Patagonien um den besten Platz.

Eine Sprache, die nicht manipulieren will

In «Feuerland» findet das Wörterbuch aus Patagonien in den Taschen eines unglücklichen Lügners nach London, nach Münster und von dort in die Schweiz. Hestermann findet auf der Flucht bei den Yamana sein Mantra: «Tauchen wie ein Schwimmer – «thumuhaimana» – in der Tiefe des Wassers verschwinden wie ein Stein.» Umgeschnallt mit einem Gürtel trägt er das Buch inzwischen auf der blanken Haut. In einer Zeit, in der Sprache bis zum Krieg hin radikalisierte, sei es das letzte, das ihn nicht zu manipulieren versuche. «Es war die Kopie der Wirklichkeit in Form von Wörtern», sagt Hestermann über das Buch, dem er manisch verfallen ist.

Ohne dramatische Bilder von Bücherverbrennungen oder ikonische Widerständler erzählt Michael Hugentobler von der drängenden Instrumentalisierung literarischer Schätze durch die Nazis.

Divan statt Wigwam

Auf der anderen Seite des Buchdeckels ist der Weltreisende sesshaft geworden. Im Haus wachsen zwei Kinder auf, die ihm «Abenteuer genug» sind. Fürs Reisen braucht er heute einen guten Grund, als Reporter ist er für das Magazin des «Tages-Anzeigers» unterwegs. Die pandemiebedingte Einschränkung der Bewegungsfreiheit stört ihn daher wenig:

«Für die Kunst ist Corona die Hölle. Als Schriftsteller, ist es das Beste, was mir passieren konnte.»

Er sei ein Höhlenmensch. Die zwei Schritte zwischen dem bauchig gepolsterten Divan zum Lesen und dem Schreibtisch für die Arbeit reiche an Distanz. «Ich bin 13 Jahre gereist und habe Geschichten gesammelt, um jetzt 13 Jahre – oder länger – zu schreiben», sagt Michael Hugentobler.

Michael Hugentobler: Feuerland, 224 Seiten, dtv 2021