Kultur

Aargauer Krimiautorin Ina Haller zu den Morden in ihren Romanen: «Bei Goethe gibt es auch Bösewichte»

Krimiautorin Ina Haller auf einer Brücke in Brugg, die gemeinsam mit der Mühle im Hintergrund Schauplatz in ihrem Roman «Rüebliland» ist. Vor kurzem ist die Fortsetzung «Chriesimord» erschienen.

Krimiautorin Ina Haller auf einer Brücke in Brugg, die gemeinsam mit der Mühle im Hintergrund Schauplatz in ihrem Roman «Rüebliland» ist. Vor kurzem ist die Fortsetzung «Chriesimord» erschienen.

Ein Gespräch mit der bekannten Aargauer Autorin Ina Haller über ihren neuen Nordwestschweizer Kriminalroman «Chriesimord» und was es für einen guten Krimi braucht. In «Chriesimord» findet wieder die adoptierte, gebürtige Inderin Samantha Kälin die richtige Spur.

Frau Haller, was sind die Zutaten für einen guten Krimi?

Ina Haller: Zuerst braucht es eine Grundidee und das Tatmotiv. Dann muss man die Spannung aufbauen. Wichtig ist gutes Personal, und zwar nicht nur für den Plot und die Spannung. Es müssen Menschen wie Sie und ich sein mit all ihren «Sörgeli» und Problemen, sodass das Ganze wie direkt aus dem Leben gegriffen daherkommt. Ein guter Krimi behandelt nicht nur einen Mordfall, sondern hat auch das atmosphärische Drumherum. Er enthält mindestens einen Mord, handelt aber auch von den Problemen und Abgründen der Menschen.

Die Atmosphäre ist in Schweizer Krimis oft wichtiger als der Plot. Gilt das auch für Ihre Kriminalromane?

Das Verbrechen spielt natürlich immer eine zentrale Rolle. Doch wie die Leute darum herum denken und handeln, wie sie sich fühlen und wie die Stimmung in Situation xy ist – das gehört auf jeden Fall dazu. Eifersüchtig sein, sich unverstanden fühlen, nicht miteinander reden können, beleidigt oder bösartig sein – das ist einfach menschlich und in meinen Krimis soll es deshalb «menschelen». Genauso gehören die Region, in die der Krimi eingebettet ist, die Landschaft und die Orte mit ihren Besonderheiten dazu. Sonst wäre das Ganze farblos.

Samantha Kälin, die Heldin in Ihrem neuen Krimi «Chriesimord», ist Ende zwanzig, kinderlos, liiert mit ihrem Vorgesetzten und arbeitet in einem Familienunternehmen in Egerkingen, das Medikamente herstellt. Sie ist adoptiert und kommt ursprünglich aus Indien. Wie haben Sie sie gefunden?

Mein Mann hat geschäftlich mit Indien zu tun. Vor ein paar Jahren besuchten wir Freunde in Indien. Kurz davor hatte ich in der Zeitung von der Debatte um illegale internationale Adoptionen gelesen. Als wir dann dort waren, begann es in meinem Kopf zu arbeiten. Einmal stand ein Strassenkind vor unserem Auto und schaute uns an. Es hatte grüne Augen und der Blick traf mich direkt ins Herz. Auf diese Weise ist Sammy sozusagen auf die Welt gekommen.

Die Romane «Rüebliland» und «Chriesimond» von Krimi-Autorin Ina Haller.

Die Romane «Rüebliland» und «Chriesimond» von Krimi-Autorin Ina Haller.

Sie sagen, «Sammy» sei Ihnen beim Schreiben eine richtig gute Kollegin geworden.

Ich lerne sie immer besser kennen. In «Rüebliland» (dem Erstling in der Krimireihe mit Samantha Kälin, Red.) ist sie ja das erste Mal aufgetaucht, nun hat sie wieder ein wenig von sich preisgegeben. Sammy ist ein herzensguter Mensch. Sie ist sehr sensibel und verletzlich, besonders wenn es um ihre Herkunft geht. Sie nimmt sich die Dinge zu Herzen und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie ist tolerant und auf sie ist Verlass.

Jetzt tragen Sie aber etwas dick auf.

Ich habe Sammy gern, aber sie ist kein Engel mit einer weissen Weste und ist nicht so perfekt, wie sie jetzt erscheinen mag. Sie kann zum Beispiel hässig werden und gifteln, wenn sie sich angegriffen fühlt. Sie hat zwar keinen Dreck am Stecken, aber auch sie macht Fehler. Und sie steckt ihre Nase in Dinge rein, die sie nichts angehen.

Sie hat eine grosse Spürnase. Weshalb ist sie keine Ermittlerin?

Ich wollte eine normale Zivilperson haben, die nahe beim Leser ist. Es gibt bereits genug literarische Kriminalkommissare. Dass Sammy den Fall auch lösen will, ist nicht atypisch – es gibt ja im realen Leben auch einige Zivilpersonen, die sich mit Mord und Totschlag beschäftigen. Das Reizvolle für mich dabei ist, dass Sammy durch ihr Verhalten zu einem zusätzlichen Problem für die Ermittler werden kann, was die Spannung erhöht.

Womit wir bei der beliebt-berüchtigten Frage wären: Darf sich der Krimi Literatur nennen?

Klar. In einem Krimi steckt genauso viel Arbeit wie beispielsweise in einem historischen Roman. Es braucht ausgedehnte Recherchen und er muss gut lesbar sein. Das ist nicht anders wie in der sogenannt hochstehenden Literatur – bei Goethe gibt es ja auch Bösewichte.

Wie steht es um Ihren literarischen Ehrgeiz? Man hört ja oft, in Krimis diene die Sprache meist nur als Vehikel, um die Geschichte von A nach B zu bringen.

Das sehe ich überhaupt nicht so. Ein Krimi muss sprachlich sauber sein und man muss ihn auch dann gerne lesen wollen, wenn man zum Beispiel abends von der Arbeit nach Hause kommt und müde ist. Für mich kann gute Krimiliteratur ohne komplizierte Satzgefüge auskommen. Texte, die einfach und leicht verständlich sind, haben auch ihren Wert. Literatur darf auch gute Unterhaltung sein und was gute Literatur ist, ist Geschmacksache.

In «Chriesimord» gibt es viel rasanten, szenischen Dialog. Lassen Sie sich dazu von TV-Krimis inspirieren wie zum Beispiel «Tatort» oder «Polizeiruf 110»?

Nein, gar nicht. Ich schaue kaum Krimis im Fernsehen, denn da bekommt man die Bilder aufgedrückt. Wenn ich hingegen ein Buch lese, kann ich das eigene Kopfkino einschalten. Ich stelle mir einfach vor, wie es sein könnte und schreibe intuitiv aus dem Bauch heraus.

Ihr Alltag ist dicht gedrängt, dennoch sind Sie sehr produktiv. Wie machen Sie das?

Schreiben ist meine Zeit für mich. Ich schaue, dass ich jeweils anderthalb bis zwei Stunden am Stück schreiben kann, zum Beispiel nach dem Mittagessen. Das ist nicht immer einfach, wenn die Kinder mit ihren Anliegen zu mir kommen und ich gerade mitten in einer spannenden Szene stecke. Zum Glück bin ich selten unter Schreibdruck, aber man muss schon ständig dranbleiben.

Wie schreiben Sie, streng nach linearem Plan oder kreativ und auf Umwegen?

Ich habe das Krimischreiben nicht in der Literaturwerkstatt gelernt. Sondern ich arbeite mit meinem eigenen Erfahrungsschatz und mache auch immer aufwendige Recherchen, damit das Ganze fachlich stimmt. Ganz allgemein sind Handlung und Personen in den groben Zügen vordefiniert. Aber linear durchgeplant ist die Geschichte bei mir eher weniger, ich lasse beim Schreiben lieber spontane Entwicklungen zu. Ich will den Personen Raum lassen, sodass sie sich frei entwickeln können und manchmal auch abzweigen. Sie dürfen sich ändern oder andere Entscheide treffen, als ich es für sie vorgesehen habe.

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