Nachruf

Aargauer Comic-Zeichner Reto Gloor stirbt nach langer Krankheit – sein Mitautor erinnert sich

Reto Gloor.

Reto Gloor.

Nach langer Krankheit ist Reto Gloor gestorben. Sein Freund und Mitautor Markus Kirchhofer erinnert sich.

An den Solothurner Literaturtagen vor drei Jahren präsentierte Reto Gloor seinen autobiografischen Comic «Das Karma-Problem. MS – eine unheilbare Krankheit übernimmt die Kontrolle». Reto kommentierte Ausschnitte daraus, im Rollstuhl auf dem Podium sitzend. Er wirkte stolz und glücklich.

Reto Gloor und ich besuchten gleichzeitig die Bez Schöftland, an der Neuen Kanti Aarau waren wir in der gleichen Klasse. Unsere Wochenendgestaltung kreiste um das Kleintheater «Härdöpfuchäuer», das wir mitgründeten: jeden zweiten Freitagabend Sitzung, jeden dritten Samstag «Dienst», die Kulturveranstaltung selber, am Abend Disco. Sogar die Rekrutenschule absolvierten Reto und ich Zimmer an Zimmer, in der Kaserne Aarau. Danach wurden wir Lehrer auf der Sekundarstufe 1. Reto unterrichtete Bildnerisches Gestalten, ich vor allem Sprachen.

Reto zog nach Basel, ich blieb im Aargau. Wir hielten über all die Jahrzehnte Kontakt. Der Verlauf seiner 2010 diagnostizierten Krankheit war nicht zu übersehen: bei jeder Begegnung ging es ihm körperlich schlechter. Mitte Mai sah ich Reto zum letzten Mal. Ich besuchte ihn in der Rehab Basel. Wir verabschiedeten uns wie meistens: gut gelaunt und voller Pläne. Am 23. Mai versandte Reto ein enthusiastisches Mail («Ich bin glücklich») aus seiner neuen Wohnung.

Das Vorbild

Vor fast 30 Jahren pilgerten wir ans Comic-Festival Sierre. In Retos Zeichenmappe unser Comic-Projekt über den Ein- und Ausbrecher Bernhart Matter. Am Festival signierten Comic-Grössen ihre Bücher. Reto blickte über eine Traube von Wartenden zum Zeichner – und drehte sich wie vom Donner gerührt zu mir zurück. «Er hat mich direkt angeschaut», stotterte er. «Er», das war Hugo Pratt, Retos zeichnerisches Vorbild, der Meister des literarischen Schwarz-Weiss-Comics. Seine Hauptfigur ist ein melancholischer Kapitän ohne Schiff: Corto Maltese.

An Auffahrt war ich mit meiner Frau am Genfersee. In der Abenddämmerung sahen wir hoch zur Statue von Corto Maltese in Grandvaux. Hier lebte Hugo Pratt am Ende seines 1995 zu Ende gegangenen Lebens. Corto blickt genüsslich über den See, die Hände auf dem Rücken. Ich dachte an Reto, Hugo Pratt und Sierre. Und daran, dass Retos Werk zu seiner Freude nur ein paar Kilometer entfernt von Cuno Affolter archiviert wird, im «Centre BD de la Ville de Lausanne». «Hier will ich mit Reto und Cuno hin», sagte ich.

Eine Woche später war Reto tot. Auf der Suche nach Trost blättere ich in «Hugo Pratt en verve: mots, propos, aphorismes»: «In meinem Alter (…) ist der Tod ein Kamerad, der mit mir zu Tisch sitzt. Ich weiss nicht, ob ich die Mahlzeit beende und ob ich morgen wieder erwache, also ziehe ich eine Bilanz meines Lebens. Und ich kann sagen, dass ich gut gelebt habe.»

Bei meinen letzten Begegnungen mit Dir, lieber Reto, gewann ich den Eindruck, Deine Lebensbilanz sei positiv und Du habest Dich arrangiert mit «Kamerad Tod». Das wünsche ich Dir und mir, mein Freund.

Markus Kirchhofer ist seit 2013 freier Autor und lebt in Oberkulm. Mit Reto Gloor veröffentlichte er die Comics «matter», «matter entZWEIt» und «Meyer & Meyer». Kirchhofers Solo-Publikationen bereicherte Reto Gloor mit Illustrationen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1