In Perlmutt schimmern die beiden Dreiräder, und sie tragen – selbstverständlich – das päpstliche Wappen auf der Tür. Wenn dies kein Ritterschlag für das Dreirad von Piaggio ist! Allerdings ist nicht überliefert, ob sich der Papst in seiner Freizeit mit dem lustigen Gefährt tatsächlich durch die engen Gassen Roms kutschieren lässt. Mit den Weisswandreifen, den vorstehenden Scheinwerfern und den beigen Sitzbänken weckt das Ape Calessino auf jeden Fall ein 1950er-Jahre-Nostalgiegefühl. «Dies ist ein absolutes Nischenfahrzeug, hat aber einen unendlich hohen Wiederverkaufswert», meint ein Händler.

Neu kann man es zurzeit gar nicht kaufen, also bleibt nur die Retroversion des kultigen Dreirads aus Italien. Davon wurden allerdings nur 999 Stück hergestellt, bei einem Stückpreis von rund 10 000 Franken.

Das äussere Design stammt von der Ape MPV, die 1968 erstmals mit Lenkrad und zwei Scheinwerfen ausgeliefert wurde und eine Zuladung von 600 Kilogramm verkraften konnte. Ape (italienisch für die Biene; ihre Schwester, die Vespa, heisst passenderweise Wespe) war von Anfang an ein skurriler Hybrid. Doch seine Nützlichkeit, Robustheit und Handlichkeit, sein geringer Preis und seine hohe Zuladung machten ihn zum Gewinner im Nachkriegsitalien. Während Ettore Bugatti, Sohn eines Kunsthandwerkers, Enzo Ferrari, Rennfahrer, und Dante Giacosa, Schöpfer des Fiat 500, Meisterstücke des Designs ablieferten, achtete man im Vespa-Werk in Pontedera in der Toskana mehr auf den Nutzwert der Fahrzeuge.

Elektroantrieb in den 80ern

Punkto Elektromotor war Piaggio allen anderen Herstellern seiner Zeit voraus: 1981 kam die «Ape elettrico» auf den Markt, mit einem Elektroantrieb von Bosch. Das Triebwerk mit 11 PS hatte einen Radius von 80 Kilometern. 1993 umfasste die Modellpalette des Vespa Car mehr als 100 verschiedene Spezialaufbauten. Und bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren lernten Touristen in Italien das Ape, welches die Italiener für Sightseeing-Touren nutzten, kennen. Ansonsten transportierte man alles damit, von der Pizza über Haushaltwaren bis zum Rotwein; sogar die Strassenreinigung nutzte das Gefährt. Es war das Symbol des italienischen Kleinunternehmertums, wendig und sparsam, der Stolz der Geschäftsmänner. Die «Biene» meisterte zahlreiche Heldentaten, etwa das Erklimmen der spanischen Treppe in Rom.

Oft wurden die Dreiräder von ihren Besitzern «getunt», mit Aufbauten aus Holz oder Blech konnten grosse Kisten transportiert werden. Der «Kutscher» sass dabei auf seinem «Sattel» über dem Motor, der in der Anfangszeit ganze 4 PS brachte. Dafür verbrauchte die Ape nur 3 Liter Zweitaktgemisch auf 100 Kilometern – es gab damals extra Zapfsäulen an den Tankstellen. Rückwärts konnte die Ape nicht fahren, es gab nur 4 Vorwärtsgänge. Dafür waren die Flitzer in den engen Gassen von Neapel oder Marseille gegenüber den Lastwagen eindeutig im Vorteil. In der Anfangszeit sass der Fahrer der Ape vorn auf dem Roller, Wind und Wetter ausgesetzt, und «zog» praktisch den Aufbau hinter sich her; eine Windschutzscheibe konnte auf den Lenker aufgesteckt werden. Erst später kam die Fahrerkabine hinzu.

Das Geburtsjahr der Ape war 1947. In der Anfangsversion sass der Fahrer praktisch auf der Motorverkleidung, hinten gab es einen hölzernen Aufbau, der 200 Kilogramm wog. 1956 kam das Ape C heraus, es hatte eine Kabine für zwei Personen und konnte bis zu 350 Kilogramm zuladen. 1982 hatte sich die Ladekapazität vergrössert auf sagenhafte 700 Kilogramm, das entspricht 1400 Päckchen Kaffee.

Es dauerte nicht lange, bis andere Länder das Dreirad kopierten. In Russland kam 1957 «Wjatka» auf den Markt, ohne Lizenz der Italiener. Es wurde ein Verkaufsschlager. In Indien wurde derweil eine Retro-Version gefertigt. Sie ist aufgemotzt mit Weisswand-Reifen, verchromten Scheinwerfer-Einfassungen, Echtholz-Boden und dem edlen Verdeck aus Segeltuch. Der Motor rüttelt ein wenig, die Vier-Gang-Schaltung hakelt manchmal, doch für entspanntes Sightseeing reicht es allemal. Ein erheblicher Spassfaktor dürfte nicht nur das coole Aussehen des Gefährts sein – auch die Reaktionen von Passanten sind meist positiv. Viele lächeln, manche winken. Gute Laune ist ansteckend.