150 Jahre Rosa Luxemburg
Rosa for Future! Die Rebellin lebte mehrere Jahre in Zürich – doch dort will man bis heute nichts mit ihr zu tun haben

Die radikale Demokratin Rosa Luxemburg betrat die politische Weltbühne in der Schweiz. Sie hat in Zürich studiert und ihre ersten wichtigen Reden gehalten. Am 5. März feierte sie ihren 150. Geburtstag. Warum ging die «rote Rosa» vergessen?

Daniele Muscionico
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Eine Frau, ein Showtalent: Rosa Luxemburg in ihrem Element als Rednerin in Stuttgart 1907. Sie lebte für die sozialistische Idee.

Eine Frau, ein Showtalent: Rosa Luxemburg in ihrem Element als Rednerin in Stuttgart 1907. Sie lebte für die sozialistische Idee.

Bild: Getty Images

Im Frühling 1888 beschliesst in Warschau eine jüdische Gymnasiastin: Es muss sich auf dieser Welt etwas ändern! Sie ist kleingewachsen durch eine Krankheit, sie ist blitzgescheit, sie ist belesen, spricht fünf Sprachen – und sie will nach Zürich, zum Studium in die Schweiz. Als Marxistin? Als Frau? Genau.

Rosa Luxemburg ist mit ihren 17 Jahren keine Frau wie andere ihres Alters. Zum einen verbrachte sie als Kind ihrer Krankheit wegen ein ganzes Jahr im Bett liegend – und wurde zur grossen Leserin. Zum anderen, eine Folge des Bücherlesens: Rosa ist Sozialistin. Und da Sozialisten in dem vom zaristischen Russland kontrollierten Polen kritisch beäugt, wenn nicht gar verfolgt werden, schliesst sie sich einer marxistischen Untergrundorganisation an. Die russische Geheimpolizei lässt nicht lange auf sich warten. Also entscheidet sie: Weg hier, in die Schweiz!

Mythos, Märtyrerin und Vorzeigeintellektuelle

Doch wieso die Schweiz? Es gibt gute Gründe. Ausgerechnet dieses Land lässt seit 1840 Frauen zum Studium zu, als erstes überhaupt im deutschen Sprachraum. Deshalb finden sich unter Luxemburgs Kommilitoninnen und Kommilitonen Exil-Polen, Emigranten, mutige Visionärinnen, die revolutionären Kräfte aus ganz Europa.

Rosa LuxemburgMarxistin und Menschenfreundin

Rosa Luxemburg
Marxistin und Menschenfreundin

Bild: PD

Zürich ist für die hier promovierte Ökonomin ein erster Humus im Kampf gegen die Ausbeutung der Menschen durch Menschen. Ihre politische Arbeit macht sie bald zur linken Vorzeigeintellektuellen. Später wird sie in Berlin der Kopf des linken Flügels der SPD, und in der Folge Mitbegründerin der KPD. Durch ihre Folter und Ermordung 1919 schliesslich, sie ist erst 47 Jahre alt, wird sie zur Ikone und Märtyrerin des Kommunismus‘.

Am 5. März jährt sich der Geburtstag von Rosa Luxemburg zum 150. Mal, es ist ein Gedenktag an eine zwar tragisch gescheiterte, doch selbstbestimmte Frau. «Mensch sein ist vor allem die Hauptsache», war eines ihrer Mottos.

Geburt einer Charismatikerin

Eine selbstbestimmte Frau war sie in Taten und Worten. Nur fünf Jahre nach Ankunft in Zürich sorgt sie für einen Eklat, es ist ihr Durchbruch in der Welt der Politik. An Kundgebungen hat sie schon gesprochen, und als Redaktorin wichtiger linker Zeitungen ist sie bereits aufgefallen. Ihre Schriften gegen den Militarismus und Nationalismus werden in den linken Emigrantenkreisen verschlungen. Vehement streitet sie in ihren Artikeln für die revolutionäre Tradition des Sozialismus.

«Die Revolution ist grossartig, alles andere ist Quark!»

Doch den Höhepunkt an Öffentlichkeit erreicht sie im Sommer 1893. Am 10. August spricht sie auf dem III. Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress im Saal der Zürcher Tonhalle. Sie ist zwar offiziell nicht zugelassen, doch die 1,46 Meter grosse Frau greift sich kurzerhand einen Stuhl, stellt sich auf ihn und beginnt zu sprechen. Die Delegierten glauben, nicht richtig zu sehen oder zu hören. Eine Politikerin ist geboren! Mit ihrem rhetorischen Talent wird Luxemburg später die sozialistische Bewegung hinter sich versammeln.

Bereits in Zürich ist ihr Publikum international, 400 Delegierte aus Europa, Amerika und Australien, bis auf wenige Ausnahmen allesamt Männer. In der Arbeiterbewegung hochverehrte und respektierte Persönlichkeiten müssen der 22-jährigen unfreiwillig zuhören: Friedrich Engels, August Bebel, Wilhelm Liebknecht. Genossin Luxemburg ist zwar jung, doch ihrer Sache sicher. In der Biografie «Rosa Luxemburg. Im Lebensrausch, trotz alledem», schildert Annelies Laschitza diese Szene plastisch.

Fast ganz allein in der Männerrunde: Rosa Luxemburg (Mitte stehend) am ersten Sozialistenkongress in Stuttgart.

Fast ganz allein in der Männerrunde: Rosa Luxemburg (Mitte stehend) am ersten Sozialistenkongress in Stuttgart.

Bild: Keystone

Eine für alle, und alle für die Revolution

Luxemburg spricht über den Befreiungskampf Polens vom Zarismus. Unerschrocken, respektlos und erklärte Antimilitaristin, regt sie eine Kampfgemeinschaft mit den Arbeitenden der Okkupationsländer vor. Klassenkampf nämlich ist ihr wichtiger als Nationalismus. Sozialismus und Nationalismus sind für sie nachgerade unvereinbar. Revolution als Urkraft des Sozialismus versteht sie als beständige Transformation, Selbstdisziplinierung jeder und jedes Einzelnen als Voraussetzung.

Und, nicht sie, die Genossen müssten das richtige Bewusstsein in die Massen bringen. Im Gegenteil: Es gälte die Massen zu befähigen, ihr eigenes Bewusstsein zu entwickeln. Rosa Luxemburg sieht so ziemlich alles anders, als ihre linken Brüder und Schwestern.

«Scharf wie ein Rasiermesser und glänzend wie Silber» setzt sie ihre Argumente, erinnern sich Zuhörer, kalt glühend und mit einer Kraft, die keiner in der zierlichen Person auf der Bühne vermutet hätte. Die Reaktionen auf die Rede und die Art und Weise des Vortrags sind heftig. Die Delegierten, die ihrer Meinung sind, brechen in «begeisterte Zustimmung» aus oder wenigstens in «schwärmerische Bewunderung».

Revolutionäres Duo: Rosa Luxemburg (rechts) mit Clara Zetkin .

Revolutionäres Duo: Rosa Luxemburg (rechts) mit Clara Zetkin .

Bild: Wikimedia

Bei ihren Gegnern erntet sie «bittersten Hass». Die junge Person vertritt ihre Sache «mit einem solchen Magnetismus im Blick und mit so flammenden Worten», dass man sich von ihr angezogen fühlt oder bedroht wähnt. Man ahnt das Potenzial an Gerechtigkeitssinn, man sieht es kommen: Mit Rosa Luxemburg ist zu rechnen.

Ein unverständliches historisches Versäumnis

Doch was ist es nur für eine historische Blindheit? Kein Ort, kein Platz, keine Strasse oder Gasse, nichts erinnert in Zürich und in der Schweiz an die grosse Frau und ihr Wirken in ihrer Wahlheimat. An einem Zürcher Wohnhaus, in dem sie von 1894 bis 1895 gelebt hat, ist zwar eine kleine Tafel angebracht, sie ist durch die Zeit und die Witterung nur noch schwer zu entziffern. Der Stadt scheint die Erinnerung an Rosa Luxemburg keinen Gedanken Wert zu sein.

Es gibt zwar immer wieder politische Bestrebungen, die die Erinnerung an die radikale Demokratin aktivieren wollen. Einmal sollte etwa eine kleine Zürcher Grünfläche in Zürich-Aussersihl den Namen «Rosa-Luxemburg-Platz» tragen. Sie selbst hat jedoch nie in der Gegend gelebt, auch wenn das Viertel als Arbeiterquartier gilt. Der Vorstoss war denn auch das letzte öffentliche Bemühen in der Sache und blieb schliesslich im Zustand eines gemeinderätlichen Postulats stecken.

Das Gottbegnadete Zürich erwidert ihre Liebe nicht

Die Liebe Zürichs zu Rosa schien schneller zu erkalten, als umgekehrt. Noch Jahre nach ihrer Übersiedlung nach Berlin erinnerte sie sich in vielen Briefen an die Zeit, die sie im «heiteren, gottbegnadeten Zürich» verbracht hatte.

Rosa Luxemburg muss ins Gedächtnis der Jugend zurückgeholt werden. Als Vorbild für mündiges Denken zum Beispiel. Dass man sie in der Schweiz mit keiner nennenswerten Erwähnung ehrt, ist ein unverständliches historisches Versäumnis. Ein gemauertes Denkmal muss es ja nicht sein, auch eine ideelle Erinnerung würde der Sache gut anstehen. Eine Bibliothek könnte nach ihr benannt werden oder eine humanistische Institution, eine Schule, ein Gymnasium zum Beispiel.

«Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.»

«Rosa for Future!» könnte eine zeitgemässe Forderung sein. Es wäre die Umsetzung ihres berühmtesten und heute wieder besonders aktuellen Plädoyers für ein Politikverständnis und Menschenbild: «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.» Mit dieser Erkenntnis lebt sie unter uns weiter.

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