Preisträgerin

15 Jahre im Geschäft: Warum Lara Stoll den Salzburger Stier erst jetzt bekommt

Vereint viele Talente unter einem Schirm: Universalkünstlerin Lara Stoll (33).

Vereint viele Talente unter einem Schirm: Universalkünstlerin Lara Stoll (33).

Die Slampoetin, Musikerin und Filmemacherin Lara Stoll ist Preisträgerin des Salzburger Stier 2021 Warum mussten wir so lange darauf warten?

Mit schwerem Rollmaterial und ohne Rücksicht auf Verluste bahnte sich vor 15 Jahren eine junge Slampoetin den Weg an die Spitze der Slamszene. Die Schweiz erlebte gerade einen beispiellosen Bühnenliteratur-Boom, Poetry Slams schossen wie Pilze aus Kulturzentren und Kleinbühnen, und die zierliche Thurgauerin Lara Stoll zog von Bühne zu Bühne und erklärte mit lauter Röhre, warum sie sich manchmal wünschte, ein «John-Deere-Traktor 7810 Power shift mit Gewicht in der Fronthydraulik» zu sein.

Weggeräumt mit ihrem PS-starken Text hat die Stoll damals ihre vor allem männlichen Kontrahenten. 2006 wurde sie in Deutschland und in der Schweiz Nachwuchs-Slammeisterin. 2010 gewann sie die ersten Schweizer Poetry-Slam-Meisterschaften und setzte sich in Reims gegen ganz Europa durch. Endlich war da eine Slampoetin, die nicht mit Tagebucheinträgen mit Fremdschämpotenzial und erwartbaren Geschlechterklischees den billigen Flirt mit dem Publikum suchte. Man feierte die Stoll. Weil die so erfrischend unangepasst war. So radikal.

Der Highway to Success war die falsche Route für sie

Dass man ihr erst 10 Jahre später den Salzburger Stier, die höchste Auszeichnung im deutschsprachigen Kabarett, zuspricht – ein Gabriel Vetter musste deutlicher weniger lange warten –, ist ein Verzögerungs-Moment, das die Stoll selbst herbeigeführt hat: Mit ihrem PS-starken Ungetüm hätte es die heute 33-Jährige in der Hand gehabt, den Highway to Success in kurzer Zeit durchzubrettern.

Aber sie entschied sich bewusst dagegen. Ständig lustige Texte zu produzieren, auch in Momenten der Frustration, diese Ambivalenz hielt sie irgendwann nicht mehr aus. 2016 nahm sie in St.Gallen zum vorerst letzten Mal bei den Schweizer Slam-Meisterschaften teil. Dort murmelte, schrie und intonierte sie minutenlang «Dini Mueter», sprang und wälzte sich dazu auf der Bühne. Mit ihrem performativen Experiment zog sie im Finale den Kürzeren. Und Stoll war froh, dass die Erfolgsfalle nicht schon wieder zugeschnappt hatte.

Denn lieber pflügte sie sich die letzten Jahre radikal-multimedial durch die Kunst. Sie gründete massenuntaugliche Bandprojekte, studierte Film, designte Sprüche-T-Shirts und entwickelt mit dem Kollektiv «Bild mit Ton» trashiges Unterhaltungsfernsehen mit Found-­Footage-Material aus der Medien- und Filmwelt.

Stoll spricht nicht nur Wörter, bei ihr sprechen Wörter über sich selbst, werden Gegenstände beseelt und hüpfen davon. Da lässt jemand mit kindlicher Freude seine Fantasie einfach machen – ohne Gedanken ans Marketing. Als Stoll sich letztes Jahr für den Deutschen Kleinkunstpreis bedankte, zersägte sie sich auf der Bühne gleich selbst. Das Kunstblut spritzte effektvoll aus ihrem Torso.

Kompromisslos, besessen und radikal

Der Spielfilm «Das Höllentor von Zürich», den die Stoll mit ihrem damaligen Partner Cyrill Oberholzer drehte und der es ans Zurich Film Festival schaffte (ein Wunder!), steht bildhaft für die Kompromisslosigkeit und Besessenheit von Lara Stolls Kunstverständnis.

Das Remake des Dramas «127 Hours» von Danny Boyle (2010), in dem ein Bergsteiger nach Stunden des Ausharrens seinen in einer Felsspalte arretierten Arm amputiert, hat Stoll auf die Geschichte einer Zürcherin heruntergebrochen, die ihren Zeigefinger im Abfluss ihrer Badewanne einklemmt. Doch auch ein kleiner Finger kann eine existenzielle Krise auslösen. Die Tränen im Film sind echt, die Liebesbeziehung mit dem Regisseur nach acht Drehmonaten im Eimer.

Diese Authentizität in Stolls nie auf Hochglanz polierten Projekten, in denen der Dilettantismus aktiver Mitspieler ist, überzeugt – in ihren Bühnenprogrammen macht sie auch mal ihr schlechtes Gitarrenspiel zum Thema. Überzeugt ist die Welt inzwischen auch von ihrem schauspielerischen Talent.

Im Dezember wird Stoll in Natascha Bellers vierteiliger SRF-Krimiparodie «Advent, Advent» an der Seite von Gabriel Vetter eine Polizistin spielen. Und ein neues Programm ist auch am Start. Ihren Traktor kann sie nun definitiv in die Garage stellen.

Autor

Julia Stephan

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