Was für eine Teamvorstellung der Schweizer Turner in Glasgow! Man spürte, wie sie sich gegenseitig unterstützten und anfeuerten. Ich bin so stolz auf die Jungs. Den Grundstein für den Exploit legten sie einmal mehr am Paradegerät Barren. 60,732 Punkte hat das Team erzielt, das ist Weltklasse! Für das Schweizer Nationalkader ist der Barren die grösste Stärke. Aber warum macht dieses Gerät uns so viel Spass? Von vielen Menschen höre ich immer wieder: «Wie kommt man dazu, den Barren gerne zu haben?» Nicht wenige verdankten dem Gerät damals im Schulturnen den einen oder anderen blauen Fleck. Liebe sieht anders aus.

Auch ich habe viele schmerzhafte Erinnerungen an dieses Teil mit den zwei Holz-Holmen. Beispielsweise an eine Turnerunterhaltung mit 700 Besuchern in Möriken, als ich als Elfjähriger bei einem Element den Griff verlor und kopfüber in einen der vier Eisenpfosten segelte. Fünf Stiche brauchte der Arzt, um meine Wunde zu nähen. Der Peinlichkeitsbarometer erreichte neue Höhen! Fingerbrüche und Fersenprellungen sind am Barren normal. Und dass ich noch zeugungsfähig bin, grenzt an ein Wunder...

Doch was den Barren für mich so faszinierend macht, ist seine Vielseitigkeit. Kein anderes Gerät ist spannender für einen Turner. Es macht einfach Spass, vom einen Ende zum andern zu fliegen und dann die Übung mit einem doppelten Salto abzuschliessen. Es braucht viel Zeit, bis alles fliessend und leicht wirkt. Jeder Griff muss sitzen und die Körperhaltung sollte perfekt sein. Erst wenn ein Turner diesen Modus erreicht und die Übungsteile auf höchstem Niveau sind, kann man von Medaillen

an den grossen Wettkämpfen träumen. Seit meinem zwölften Lebensjahr trainierte ich täglich eineinhalb Stunden ausschliesslich am Barren. Es hat sich gelohnt. Ich durfte am 21. April 2013 an den EM in Moskau mit dem Gewinn von Silber einen der schönsten Tage in meinem Leben geniessen. Das wäre ohne Barren nicht möglich gewesen!

Lucas Fischer holte 2013 EM-Silber am Barren. Der 25-Jährige musste seine Karriere vor gut einem Monat aus Verletzungsgründen beenden. Während der Kunstturn-WM schreibt er für «Die Nordwestschweiz» täglich eine Kolumne.