Pizza-Tour

Zufall und Irrtum

1-Vor der Bar von Pizzone trifft sich am Abend das Dorf

1-Vor der Bar von Pizzone trifft sich am Abend das Dorf

Planung ist nützlich, auch bei einer Velotour. Doch meistens kommt es dann doch anders als geplant, vor allem bie einer Velotour. Die letzten beiden Tage haben gezeigt, dass das Ergebnis auch besser sein kann, als die Planung.

Mittwoch, 22. August. Planung heisst, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen, lautet ein Bonmot. Falsch an diesem Spruch ist nur, dass auch eine seriöse Planung den Zufall nicht ausschliessen kann. Gemäss Planung hat die vorgestrige Tour von Morcone nach Isernia zwei Abschnitte. Einen schönen ersten Teil auf der Via Roma, das heisst auf einer praktisch verkehrsfreien Nebenstrasse hoch über dem Talboden und dann einen mühsameren zweiten Teil auf der Schnellstrasse SS 17 bis nach Isernia.

Wo kommen plötzlich die Lastwagen her?

Auf den ersten paar Kilometern verläuft die Fahrt ganz nach Planung: Eine kurzweilige Morgenfahrt bei frischen Lüften durch lockere, schattenspendende Wälder. Doch dann, ab Sassinoro, finden wir uns plötzlich im dichtesten Verkehrsgewühl wieder mit Lastwagen, die sich auf einspurigen Brücken gegenseitig blockieren und genervten, aggressiven Autofahrern. Was ist da los? Den Grund sieht man nach ein paar Kilometern weit unten im Tal: Ein Lastwagenunfall auf der SS 17. Umleitung: ausgerechnet über «unsere» Via Roma. Zufall! Ein paar Kilometer weiter endet die Verkehrs- und Stauborgie an einer Kreuzung so abrupt, wie sie begonnen hat. Die Fahrt geht plangemäss locker weiter.

Zweiter Teil: Dank fast durchgehendem breitem Randstreifen und schöner Aussicht in die immer höher werdenden Berge ist die SS 17 bis Isernia trotz ordentlich langem Aufstieg kurz vor dem Ziel angenehm zu fahren. Planungsirrtum zu unseren Gunsten.

Gestern Dienstag: Bis auf einen 800 Meter langen, ansteigenden, unbeleuchteten Tunnel mit knapp und ohrenbetäubend laut vorbeidonnernden Lastenzügen verläuft die Fahrt in den Parco Nazionale d'Abbruzzo angenehm und planungsgemäss. Die furchterregende Tunnelpassage erweist sich als schlimmer als befürchtet, wäre aber nur mit erheblichem Umweg und Zusatzhöhenmetern zu umfahren.

Pizzone - ein Schmuckstück an der Bergnase

Unser Tagesziel ist ein Agriturismo knapp 50 Höhenmeter und rund anderthalb Kilometer unterhalb von Pizzone, einem Bergdörfchen, das wie ein Schwalbennest an einer Bergnase hängt. Statt wie telefonisch angekündigt anfangs Nachmittag anzukommen, stehen wie bereits um elf Uhr vor der Tür. Planungsfehler - wir haben offensichtlich unsere ansteigende Formkurve nicht eingeplant.

Es ist niemand zu Hause. Wir satteln unsere Velos ab und fahren ohne Gepäck ins Dörfchen hoch, das wir eigentlich gar nicht besichtigen wollten. Pizzone entpuppt sich aber als ausgesprochen schmuckes, gepflegtes Bergdörfchen. Wir machen einen Dorfrundgang mit dem Fotoapparat: Steile, enge Strässchen, sodass man fast nur Hochkantfotos schiessen kann. Nach einem kleinen Imbiss im Multifunktions-Lebensmittelgeschäft-Restaurant-Bar-Kiosk am Dorfplatz fahren wir wieder ab zum Agriturismo. Diesmal haben wir Glück. Die Chefin - sie ist vor 35 Jahren aus Chicago hierher eingewandert - ist nun da. Sie erklärt uns zu unserer Verblüffung, dass ihre Gästezimmer oben im Dorf seien. Immerhin führt sie uns das Gepäck hoch, während wir an unseren Velos wieder die kleinen Gänge einlegen.

Von Bären und Pensionären

Wundert sich nun noch jemand, wenn ich erzähle, dass das Nachtessen wieder unten im Agriturismo serviert wird? Beim abschliessenden Amaro erzählt uns der Chef bereitwillig alles, was wir über die Gegend wissen wollen: Dass es hier kaum Arbeitsplätze gibt und die Jungen deshalb meistens abwandern. Dass die 400-Seelen-Gemeinde sehr stark von den nach der Pensionierung zurückkehrenden Emigranten lebt. Dass der Nazionalpark-Tourismus nicht recht in Gang kommen will. Was es mit den überall angekündigten Abbruzzen-Bären auf sich hat. Ja die gibt es - recht zahlreich. Nein, sie sind nicht gefährlich, sie haben sich an die Menschen gewöhnt und gehen ihnen aus dem Weg, Ja, sie kommen auch bis zum Dorf herunter, um Kirschen und andere Früchte zu klauen. Und in harten Winterperioden kommen sie auch vereinzelt ins Dorf, um in einer geschützten Ecke zu schlafen - dann muss halt der Wildhüter eingreifen. Ein spannender Abend. Trotz drei ungeplanten Aufstiegen: Zufall zu unseren Gunsten.

Die heutige Tour von Pizzone an den Lago di Barrea verläuft ganz nach Plan über zwei Pässe durch wunderschöne Abbruzzen-Landschaften, die hin und wieder an die Jura-Freiberge erinnern.

Die Tourdaten: Isernia - Pizzone, 37 km, 624 Hm. Pizzone - Barrea, 31 km 666 Hm.

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