Seit dieser Woche steckt die katholische Kirche der Schweiz wieder einmal in einem Konflikt, der immer grössere Kreise zieht und für die Kirchenoberen zum PR-Debakel wird. Im Zentrum steht Wendelin Bucheli, der langjährige Dorfpfarrer von Bürglen, einem Urner Dorf mit 4000 Einwohnern. Er hat ein lesbisches Paar gesegnet und sagt dazu: «Diese beiden Menschen gehören zu meiner Pfarrei. Ich habe die Segnung vorgenommen, nachdem ich die Anfrage vor Gott geprüft hatte.» 

Kaum jemand hat von der Segnung Notiz genommen, geschweige denn sich daran gestört. Bis Vitus Huonder, der konservative Bischof von Chur und Chef des Dorfpfarrers, den Akt zum Skandal erklärte und medienwirksam forderte: Der Pfarrer muss gehen! Der denkt aber nicht daran, Kirchgemeinde und Dorfbewohner stehen hinter ihm. Bis gestern haben mehr als 25000 Menschen eine Petition zu seinen Gunsten unterschrieben.

Nun könnte man zur Tagesordnung übergehen und einwenden: Die katholische Kirche ist eine private Institution. Sie kann tun und lassen, was sie will, schliesslich kann jeder selber darüber entscheiden, Kirchenmitglied zu sein oder eben auch nicht. Immer mehr Menschen entscheiden sich für den zweiten Weg. In der Schweiz gibt es rund 2,5 Millionen Katholiken, Tendenz sinkend.

Trotzdem haben viele kirchliche Werte auch heute noch eine hohe Bedeutung. Die Zehn Gebote finden sich in der einen oder anderen Form in praktisch allen Religionen und dienen als Kompass für das Funktionieren einer Gesellschaft. Der Glaube gibt vielen Menschen Halt, die Kirchgemeinden leisten landauf, landab wertvolle Arbeit – mit Jugendlichen, älteren Menschen, Bedürftigen, Kranken. Das ist es, was viele Kirchenmitglieder schätzen – auch dann, wenn sie mit dem Klerus in Rom und seinen mittelalterlichen Ideen nichts anfangen können.

Franziskus hat den Umgang mit Tabu-Themen verändert

Am 13. März 2013 wurde Papst Franziskus gewählt. Bereits sein erster Auftritt auf dem Petersplatz machte deutlich: Er ist anders als seine Vorgänger. Er plädiert für «eine Kirche der Armen» und lebt sie vor. Er wohnt im bescheidenen Gästehaus, er fährt Kleinwagen statt Limousine, er redet Managern ins Gewissen. Er geht spontan auf Menschen zu, posiert für Selfies, greift auch mal zum Telefonhörer, wenn ihm jemand geschrieben hat, denn er will ein Papst aus Fleisch und Blut sein. Und ja, er spricht auch relativ unverkrampft über kirchliche Tabus. Zum Beispiel sagte er: «Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist: Wer bin ich, dass ich ihn verurteilen könnte?» Solche Töne waren von seinen Vorgängern undenkbar.

Die Frage ist: Bleibt es bei Tönen – oder folgen Taten? Bleibt Franziskus ein Meister der Symbolik – oder wird er die Kirche verändern? Am wahrscheinlichsten ist ein Mittelweg: Franziskus wird die Regeln der katholischen Kirche kaum ändern, was die Rolle der Frauen, Verhütung, Abtreibung, Zölibat, Wiederverheiratung, Homosexualität und andere heiklen Themen betrifft. Dafür ist die Kurie ein zu mächtiger Apparat, da läuft sogar ein Papst mit theoretisch unbegrenzter Macht auf.

Franziskus hat jedoch den Umgang mit diesen Themen verändert. Er spricht darüber und enttabuisiert sie damit. Das kann längerfristig eine nicht zu unterschätzende Wirkung entfalten. Kein Wunder, macht Franziskus damit den Erneuerern Hoffnung und den Bewahrern Angst. Kein Wunder, ist deshalb innerhalb der Kirche ein Positionierungskampf entbrannt – auch in der Schweiz.

Die pragmatischen Bischöfe überlassen Huonder das Feld

Vergangene Woche entliess die Schweizerische Bischofskonferenz Knall auf Fall ihren Sprecher, weil er ihnen plötzlich zu offen war, nachdem er fünf Jahre lang einen tadellosen Job gemacht hat. Und jetzt eben der Pfarrer von Bürglen. In beiden Fällen brechen die Kirchenoberen völlig unnötigerweise einen Konflikt vom Zaun, bei dem die Kirche am Ende die grösste Verliererin sein wird. Ja, sie betreiben geradezu eine aktive Vertreibungspolitik. Statt dass sie sich bemühen, dass wieder mehr Menschen in die Kirche kommen (oder zumindest weniger abspringen), liefern sie mit ihren Aktionen manchem Schwankenden den finalen Austrittsgrund. Wäre die Kirche ein Konzern, eine Gewerkschaft oder eine NGO: Man würde Vitus Huonder auf der Stelle entlassen, weil er seinem Betrieb schadet.

Nun gibt es in der Schweiz nicht nur Huonder, sondern sieben weitere, pragmatischere Bischöfe. Bloss hört man sie nicht. Doch wer sich ängstlich versteckt, der überlässt das Feld anderen. Das ist mit ein Grund, warum der konservative Flügel um Huonder im Aufwind ist – es fehlt an einem starken Gegenpart. Bezeichnend ist folgendes Beispiel: Das «Oltner Tagblatt» wollte vom Basler Bischof Felix Gmür wissen, ob auch er von einen Pfarrer die Demission verlangen würde, wenn dieser ein lesbisches Paar gesegnet hat. Der Bischof liess ausrichten: In seinem Bistum kämen solche Segnungen schlicht nicht vor – also gibt es auch keine Sanktionen. Das ist natürlich auch ein Weg, sich der Diskussion zu entziehen.

Die Kirche muss nicht jede Modeströmung mitmachen. Aber wer sich gesellschaftlichen Veränderungen komplett verschliesst, macht sich irgendwann selber zum Relikt. Und damit überflüssig.