Alice Brown war bloss 24 Jahre alt, als sie starb. Erschossen durch einen Polizisten in San Francisco, nachdem sie sich in den frühen Abendstunden des 17. März einer Festnahme entziehen wollte und zwei Stadtpolizisten in eine wilde Verfolgungsjagd verwickelte.

Der Tod der jungen Frau warf keine grossen Wellen, obwohl in Amerika seit Monaten eine Debatte über Polizeibrutalität geführt wird. Denn Brown war weisser Hautfarbe.

Die Erschiessung der jungen Frau passt damit nicht in das Bild, das von Aktivisten gezeichnet und Medienschaffenden rapportiert wird und das bisweilen den Eindruck erweckt, als würden Teile der amerikanischen Bevölkerung durch eine Meute wild um sich schiessender Ordnungshüter terrorisiert.

So berichtete die «New York Times», Amerikas führende Tageszeitung, am Mittwoch über die Erschiessung eines 50-jährigen Afroamerikaners in North Charleston (South Carolina) auf ihrer Titelseite unter einer fetten, zwei Zeilen zählenden Schlagzeile. Mit solchen Überschriften markiert die NYT normalerweise historisch bedeutsame politische oder wirtschaftliche Ereignisse.

Die Erschiessung von Walter Scott ist ein Verbrechen

Zwei Präzisierungen, damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Erschiessung von Walter Scott durch den zwischenzeitlich entlassenen weissen Polizisten Michael Slager ist gemäss den derzeit vorliegenden Informationen ein Verbrechen. Scott stellte, als Slager ihn mit acht Schüssen niederstreckte, keine Bedrohung für den viel jüngeren Ordnungshüter dar – auch wenn sich der Afroamerikaner zuvor handgreiflich gegen eine Festnahme gewehrt hatte.

Zweitens: Es stimmt, dass Amerikaner mit dunkler Hautfarbe von den Behörden härter angepackt werden als ihre weissen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Wissenschaftliche Studien und anekdotische Erzählungen lassen daran wenig Zweifel übrig. Wer dieses Verhaltensmuster aber bloss auf den angeblich tiefsitzenden Rassismus weisser Polizisten zurückführt, der macht es sich zu einfach.

Einige Zahlen zur Begründung. Gemäss der offiziellen Statistik der Bundespolizei FBI töten amerikanische Polizisten pro Jahr zwischen 397 (2010) und 461 (2013) Menschen. Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu geniessen, weil sich nicht jedes der 18000 amerikanischen Polizeikorps an der Sammlung der Daten beteiligt und es grosse Unterschiede bei der Kategorisierung solcher Vorfälle gibt. Auch geben die Zahlen keine Auskunft über die Hautfarbe von Opfer und Täter.

Andererseits weiss die breite Öffentlichkeit recht gut Bescheid über die Zahl der Polizisten, die jedes Jahr bei der Ausübung ihres Berufes getötet wurden: 2014 waren es 126 Ordnungshüter, gemäss der Statistik der Polizei-Gewerkschaft National Law Enforcement Officers. 50 Polizisten wurden dabei durch eine Schusswaffe ermordet. Zum Vergleich: Jährlich werden in den USA mehr als 14 000 Menschen ums Leben gebracht.

Viele Amerikaner haben ein zwiespältiges Verhältnis zur Polizei

Was sagen diese Zahlen aus? Wer in den USA als Polizist arbeitet, muss ständig auf der Hut sein. Gewalt ist in diesem riesigen Land allgegenwärtig, insbesondere in Städten und Ortschaften, in denen es soziale Spannungen zwischen armen und reichen oder weissen und schwarzen Menschen gibt.

Tatsache ist aber auch, dass viele Amerikaner ein – gelinde gesagt – zwiespältiges Verhältnis zur Polizei haben – sei es aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit oder aufgrund von Vorstrafen.

Ein Beispiel: Kürzlich fragte der Washingtoner Aktivist Gabriel Benn eine Reihe von Jugendlichen aus dem Armen-Viertel der US-Hauptstadt, ob sie manchmal «erleichtert» seien, wenn sie einen Polizisten sähen. Die übereinstimmende Antwort der acht schwarzen Teenager: Nein, niemals. «Ich fühle mich durch Polizisten mehr bedroht als durch irgendjemand anderes», gab der 17-jährige Doné zu Protokoll. Denn die Ordnungshüter führen sich in den Stadtvierteln, die mehrheitlich von Afroamerikanern oder Latinos bewohnt werden, häufig auf wie Besatzungstruppen auf – obwohl doch eine Mehrheit der 4000 Stadtpolizisten schwarzer Hautfarbe ist.

Und hier liegt das eigentliche Problem: So lange es Amerikas Polizisten nicht gelingt, das Vertrauen sämtlicher Bevölkerungsgruppen zu gewinnen, so lange wird es zu so schrecklichen Ereignissen wie jenem in North Charleston kommen. Denn diese gehören zum amerikanischen Alltag, auch wenn eine breite Öffentlichkeit sich erst seit einigen Monaten dafür interessiert.

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