Sieger dürfen feiern, Verlierer müssen erklären. Dario Cologna hat in diesem Winter einigen Erklärungsbedarf. Der Langläufer hat seit Beginn der Weltcupsaison zwar schon mehrere Topresultate erreicht und stand auch schon auf dem Podest. Doch die Konstanz, die ihn in früheren Jahren auszeichnete, lässt er heuer vermissen. Auch bei der Tour de Ski, bei welcher dem 29-jährige Bündner vor sieben Jahren der Durchbruch zur Weltspitze gelungen ist und die er schon dreimal gewonnen hat, blieb Cologna hinter den hohen Erwartungen zurück.

Zeichnete er sich in früheren Jahren gerade in diesem prestigeträchtigen Etappenrennen dadurch aus, sich im Vergleich mit der Konkurrenz
weniger Schwächen zu erlauben, so erlebt Cologna bei der Tour diesmal ein ständiges Auf und Ab – und muss dafür auch mediale Kritik einstecken.

Cologna hat die Messlatte für die Beurteilung seiner Leistungen mit seinen grossen Erfolgen in der Vergangenheit hoch gelegt. Im Klassement der Tour de Ski belegt der Münstertaler vor dem abschliessenden Wochenende den siebten Platz, im Gesamtweltcup figuriert er an zehnter Position. Jedes andere Mitglied des Schweizer Nationalteams dürfte angesichts einer solchen Zwischenbilanz von einer erfolgreichen Saison sprechen. Bei einem dreifachen Olympiasieger jedoch ist die öffentliche Erwartungshaltung höher.

Roger Federer ist ein Verlierer, wenn er bei einem Grand-Slam-Turnier nur den Final erreicht, diesen aber nicht gewinnt. Läuft Dario Cologna bei der Tour de Ski nicht mindestens aufs Podest, gilt er als gescheitert.

Colognas Saisonverlauf zeigt vor allem eines: Sportler sind keine Maschinen, sondern biologische Systeme, die sich nicht bis ins letzte Detail steuern lassen. Cologna, der in der Vergangenheit ein feines Sensorium für seine Körpersignale bewies, blickt auf ein ungetrübtes Sommertraining zurück und erreichte bei standardisierten Leistungstests im Herbst vergleichbare Werte wie in seinen besten Jahren. Doch Trainingsplanung ist ebenso wenig eine exakte Wissenschaft wie der Skiservice, der im Langlauf ebenfalls eine bedeutende Leistungskomponente darstellt, wie sich gerade bei der laufenden Tour de Ski wieder einmal gezeigt hat.

Sportliche Heldenepen leben gerade davon, dass die latente Möglichkeit des Scheiterns besteht. Ein Sieger, der schon vor dem Wettkampf feststeht, ist auf mittlere Sicht für jede Sportart tödlich. Wann Cologna wieder einmal ein Rennen gewinnen kann, bleibt für den Schweizer Sportfan hingegen eine spannende Frage. Erst recht, nachdem der norwegische Tourfavorit und -leader Martin Johnsrud Sundby am fünften Wettkampftag mit einem schwächeren Auftritt zeigte, dass auch er nur ein Mensch ist.

Sportler von Colognas Format müssen nicht nur mit einem hohen Erwartungsdruck von aussen klarkommen, sondern setzen sich die Ziele selber hoch. Erklären will sich das Aushängeschild des Schweizer Langlaufs auch sich selbst gegenüber. Gemeinsam mit seinem Umfeld wird Cologna deshalb alles daran setzen, seine rätselhafte Saison zu analysieren und die Ursachen für den leichten leistungsmässigen Rückschritt zu ergründen – und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ob Cologna die Tour de Ski in seiner Karriere noch ein viertes Mal gewinnen wird, bleibt offen. Sportler sind eben keine Maschinen.