Es ist nun zwölf Jahre her, da kamen Chefkritiker John McEnroe die Zweifel. Warnend hob der siebenfache Grand-Slam-Sieger und dreifache Champion von Wimbledon wenige Tage vor dem Traditionsturnier im All England Lawn Tennis & Croquet Club den Zeigefinger. Es sei nun höchste Zeit, dass Roger Federer endlich einmal sein Potenzial bei einem Grand-Slam-Turnier abrufe, forderte der Amerikaner.

Knapp 22 Jahre alt war der Basler zu diesem Zeitpunkt, die Nummer fünf der Welt und hatte bis zu diesem Zeitpunkt doch schon acht Turniere gewonnen, darunter das Vorbereitungsturnier auf Rasen in Halle. Allerdings galt nur der Triumph von Hamburg im Jahr zuvor als wirklich grosser Sieg. Doch bei den Grand-Slam-Turnieren war er noch nie über die Viertelfinals herausgekommen, zwei Jahre zuvor in Paris und in Wimbledon.

Und da schrillten bei McEnroe die Alarmglocken, zumal Federer vier Wochen zuvor mit einer unterirdisch schlechten Leistung beim French Open in Roland Garros in der ersten Runde sang- und klanglos gegen den Peruaner Luis Horna ausgeschieden war.

Der Durchbruch vom Talent zum gestandenen Profi

Doch dann startete Federer durch. Endlich, fanden seine Kritiker. Der erste Wimbledonsieg war ein Meilenstein, der zweite folgte im Herbst mit dem Triumph beim Saisonfinale der besten acht Profis in Houston, als er im Final Andre Agassi deklassierte.

Federer selbst bezeichnet diesen Sieg als seinen endgültigen Durchbruch. Müde und ausgelaugt von einer langen Saison war er ohne grosse Ambitionen nach Houston in Texas geflogen. Doch er biss sich durch. Aus dem Talent war endgültig ein gestandener Profi der Extraklasse geworden, der seinen Beruf bis in die letzte Haarwurzel verinnerlicht hatte.

Der Rest ist bekannt. Federer startete zu einem unvergleichbaren Höhenflug. Am 2. Februar 2004 übernahm er die Spitze der Weltrangliste und gab sie erst nach 237 Wochen, am 18. August 2008 wieder ab – an Rafael Nadal. Kein anderer Spieler belegte so lange den Platz an der Sonne ohne Unterbruch.

Später holte sich Federer die Nummer eins zurück, mit 302 Wochen ist er der Rekordmann. Und kein anderer Spieler hat mehr Grand-Slam-Turniere gewonnen als Federer, der 17-mal triumphierte – 7-mal in Wimbledon, 5-mal beim US Open, 4-mal beim Australian Open und einmal auf dem Sand von Paris beim French Open. In der ganzen Geschichte des Tennis haben nur vier Spieler den Karriere-Grand-Slam geschafft, in der modernen Ära seit 1968 nur drei: Federer, Agassi und Nadal.

Roger Federer träumt von seinem 18. Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier, und wohl nirgends stehen die Chancen so gut wie in Wimbledon. Drei Jahre ist es nun her, seit er letztmals ein Majorturnier gewann. Das zeigt, wie schwierig es für ihn geworden ist, auf der höchsten Stufe zu triumphieren. Vor einem Jahr stand ihm Novak Djokovic im Final von Wimbledon vor der Sonne, kurz darauf verpasste er eine grosse Chance beim US Open – scheiterte am allerdings stark aufspielenden Marin Cilic.

Federer ist die Inspiration für seinen Sport und seine Gegner

Federer muss aber niemandem mehr etwas beweisen. Er hat in seiner Karriere alles erreicht, zuletzt auch noch den Davis-Cup gewonnen. Diskussionen, ob er der Beste der Geschichte ist, sind müssig, die Generationen lassen sich nicht vergleichen.

Ein Rod Laver beispielsweise, der nach Donald Budge 1938 als Zweiter und bisher letzter Spieler 1962 und 1969 den echten Grand Slam gewann, alle vier grossen Turniere in einem Kalenderjahr, siegte dabei jeweils dreimal auf Rasen. Federer geht auf jeden Fall in die Geschichtsbücher ein, selbst wenn ihn Nadal noch in Sachen Grand-Slam-Titel überholen sollte.

Seit fast 13 Jahren steht der bald 34-Jährige unter den Top 10, prägte das Spiel wie kein anderer in den vergangenen Jahren. Federer verzauberte mit seiner Technik, erhob das Spiel wieder zur Kunst. Er ist verantwortlich dafür, dass die nächste Generation um Nadal, Djokovic und Andy Murray so gut wurde. Federer war die Inspiration für diese Spieler, täglich hart zu arbeiten, um täglich besser zu werden. Der Basler lebte das vor. Federer wird deshalb immer einer der Grössten bleiben, nicht nur im Tennis, sondern im gesamten Sport. Noch ein Wimbledon-Titel wäre nicht mehr als ein Sahnehäubchen auf eine einmalige Karriere.