Gebt mir Luxus, auf das Notwendige kann ich verzichten. Oscar Wildes Motto scheint seit Jahren auch die Verwendung der Gewinne zu leiten. Unternehmen sind eher bereit, die Gesundheit ihrer Bilanz zu gefährden, auf Investitionen zu verzichten – auch in Mitarbeiter –, als die Dividende zu kürzen. Deren Ausschüttung zu verweigern, nagt wie Hochverrat am Kapitalismus an der Managerseele. Dabei liegt dieser genau darin, das Risikoverständnis durch nicht nachhaltige Versprechen aus dem Bewusstsein der Investoren zu tilgen.

Es mutet an wie in der Sage um die Belagerung der französischen Stadt Carcassonne. Obschon kurz vor dem Verhungern, warfen die verzweifelten Einwohner ein gemästetes Schwein über die Burgmauer. Die Moral der Belagerer war ob der Zurschaustellung dieses Überflusses dahin, sie zogen ab. Mit dem gleichen Ziel hüpfen Springböcke in der Savanne bei Sichtung eines Raubtiers besonders hoch. Die komisch anmutende Demonstration überflüssiger Energie hat offenbar mehr Erfolg als ihr Aufsparen für den Ernstfall. Ebenso wollen Unternehmen mit grosszügigen Ausschüttungen ihren langen Atem beweisen.

Um auf Oscar Wilde zurückzukehren: Ist die Dividende ein Luxus? Ja und Nein. Nein, weil sie im Tiefzinsumfeld zu einer der wenigen regelmässigen Einkünfte geworden ist. Ja, weil eigentlich just kein Anspruch auf Regelmässigkeit besteht. Es ist gerade ein Unterscheidungsmerkmal von Eigenkapital (Aktien) und Fremdkapital (Obligationen), dass Letztere jährlich einen vertraglich gesicherten Coupon (Zins) liefern, während die Dividende im Ermessen des Unternehmens liegt. Sie ist das Resultat eines guten Geschäftsgangs, ihre Streichung gehört zum Risiko der Aktionäre.

Der Coupon ist tot, es lebe die Dividende

Warum also glauben Aktionäre nach jedem Geschäftsabschluss erneut, eine mindestens gleich hohe Dividende verlangen zu dürfen wie ein Jahr zuvor, als sei sie gottgegeben? Der Ausbruch der Finanzkrise von 2008 läutete die expansive Geldpolitik und damit die Erosion der Renditen ein. Bis heute zahlt die Eidgenossenschaft kaum Zins dafür, dass man ihr Geld leiht – für gewisse Laufzeiten zahlt der Investor gar, um einem sicheren Schuldner wie ihr Geld geben zu dürfen. Und so kam es, dass der Coupon langsam ausstarb. Eine andere Wertschriften-Spezies übernahm bald seine Funktion: die Dividende, freilich mit einer Mutation. Die Ausschüttungen waren regelmässiger geworden.

Schuld daran ist indes nicht allein der Urschrei der Anleger nach Zahlungsströmen. Die Unternehmen, haben sie geradezu darauf dressiert, Dividenden erwarten zu dürfen. Letztere sind zu signalkräftigen Alleinstellungsmerkmalen geworden im Buhlen um Anleger. In dieser Erwartungsspirale ist das Kürzen der Dividende zum Tabu geworden, selbst in weniger rosigen Zeiten. Die Swisscom etwa streicht aus Profitabilitätsgründen 700 Stellen. Doch vor den Investoren steht man stramm: Seit dem Jahr 2000 wurden die Ausschüttungen stetig erhöht und dann ab 2011 auf einem Höchststand von 22 Franken pro Aktie konstant gehalten.

Die Ausbeutung des Kapitals

Doch ohne gleichbleibende oder steigende Ertragskraft muss das Versprechen einer hohen oder gar steigenden Dividende eines Tages gebrochen werden. Dividende und Aktienwert sind kommunizierende Röhren: Was man als Dividende dem Unternehmen entnimmt, mindert den Wert dessen, was übrig bleibt. Das haben – sehr vereinfacht gesagt – die späteren Nobelpreisträger Merton Miller und Franco Modigliani 1958 gezeigt. Dass die Aktien von Gesellschaften, die mit ihren Ausschüttungen konstant am Nachhaltigkeitslimit lavieren, dennoch steigen, kann teilweise damit begründet werden, dass sie von Anlegern genau deswegen gesucht sind – aber womöglich nicht langfristig.

Langfristig drohen nicht nachhaltige Gewinnausschüttungen den Unternehmenswert auszuhöhlen. Wie bei den zu Zeiten billiger Kredite ebenfalls auffällig beliebten Aktienrückkäufen stellt sich nämlich die Frage: Gehen dem Unternehmen die Ideen aus, dass es das Geld nicht gewinnbringender investieren kann als in den Rückkauf eigener Aktien, also in eine Reduktion des Kapitals? Freilich steigt damit der Ertrag auf diesem (nun kleineren) Kapital, der Return on Investment. Nur kann das wohl kaum mehr als Investment bezeichnet werden.