Polemik

Überall nur noch Turbo-Individualismus

«Ride on»: Snowboarder Ueli Kestenholz zeigt dem damaligen Verteidigungsminister Samuel Schmid den Szene-Gruss. (Archiv)

«Ride on»: Snowboarder Ueli Kestenholz zeigt dem damaligen Verteidigungsminister Samuel Schmid den Szene-Gruss. (Archiv)

Auf der Strasse jemanden wildfremdes grüssen? Das war einmal. Nicht mal mehr in den Bergen wird gegrüsst. Eine Polemik.

Was sind das für arme Menschen. Starren Blicks rasen sie durch die Städte, die Angst, von jemandem angesprochen zu werden, ist ihnen buchstäblich ins Gesicht geschrieben – nur schnell weiter, nur schnell fort.

Wer glaubt, dies träfe nur auf Städte zu, der irrt. Seit man mit Bahnen auf und in die Berge kommt, trifft man diese Spezies auf jeder Wanderung. Ein Blick zurück zeigt, dass noch vor nicht all zu langer Zeit das Grüssen in Feld und Wald zum Alltag, ja einfach zum menschlichen Anstand gehört hat. Heute wird diese «Grüsserei» als peinlich und aufgesetzt betrachtet. Was soll ich denn auch wildfremde Menschen grüssen?

Diese Abwehr hat im Wort selbst seinen Hintergrund: Im Althochdeutschen «gruossen» steckt zwar «anreden», aber im Sinne, jemanden zum Reden zu bringen. Wer nicht grüsst, der will weder selbst angesprochen werden, noch selbst jemanden anreden. Dabei verhält man sich in diesem Hyperindividualismus fast schon asozial, man verweigert sich seinem Gegenüber und betrachtet ihn als nicht gleichwertig.

Und ausserdem verpasst man die Möglichkeit, vielleicht jemanden sehr Nettes kennenzulernen. (alj)

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