Polemik

Meine Gratiszeitung gehört mir

Angebot der Gratiszeitung ausgeweitet

Wem gehört die Gratiszeitung?

Angebot der Gratiszeitung ausgeweitet

Die Gratiszeitung wird gerne als Allgemeingut betrachtet. Da bleiben zwischendurch auch mal die Regeln des Anstands auf der Strecke.

Letzte Woche passierte es zweimal. Ich las im Zug nach Aarau eine abonnierte Tageszeitung, hatte aber auf meiner Seite der Ablage eine Gratiszeitung liegen. Meine Gratiszeitung. In Lenzburg sassen Mutter und ihre Tochter ins 4er-Abteil – und zack war die Gratiszeitung weg.

Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, hatte sie die Mutter geschnappt. Keine Spur einer Frage, ob die Zeitung mir gehöre und ich sie schon gelesen habe. Zugegeben: Eine Gratiszeitung gehört mir nicht so fest, wie jenes schöne, teure Blatt, das ich abonniert habe. Aber immerhin habe ich sie selbst aus der Box genommen (gewisse Menschen nehmen nie das oberste Exemplar, weil sie Angst haben, es habe schon jemand darin geblättert. Die wollen tatsächlich ihre eigene Gratiszeitung lesen und besitzen!).

Mir aber geht es nur um ein Stück Höflichkeit, um die Frage: «Kann ich diese Zeitung haben?» Die Leute müssten nicht mal «Ihre Zeitung» sagen. In Wiener Kaffeehäusern nehmen die Zeitungsleser jeweils vier, fünf Zeitungen an ihren Tisch. Das ist o. k. Aber es gibt einen Ehrenkodex: Wer nach einer herumliegenden Zeitung fragt, erhält sie. Die Standardfrage lautet neutral und korrekt: «Ist die ‹NZZ› frei?»

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