Ist der Terrorismus eine Art Krieg – zwar nicht zwischen Staaten, aber zwischen Mächten – die um etwas kämpfen? Oder ist der Amok-Blutrausch einfach ein Ausdruck eines grossen Durcheinanders, einer Verwirrung angesichts einer zwar ziemlich durchglobalisierten, aber immer schwerer durchschaubaren Welt?

Vor Jahren fragte ich einmal den amerikanischen Terrorexperten Richard A. Clarke, ob er wisse, was denn eigentlich so attraktiv für junge Männer am dschihadistischen Eifer sei? Ein Leben unter der Scharia, dauernd im Koran lesen, beten, all pray and no play? Seine Antwort war klar, aber eher verwirrend: «Keine Ahnung, aber sie sagen, sie wollten das.»

Auf der individualpsychologischen Ebene bin ich je länger, je mehr geneigt, ihm recht zu geben. Nicht das zukünftige Leben im islamischen Staat übt einen so attraktiven Reiz aus, sondern eher der Weg dorthin. Verfolgt man die Karrieren der (westlichen) Gotteskrieger, wird vor allem eines deutlich: Die haben vor dem Dschihad schon alles Mögliche ausprobiert. Und sind damit dauernd auf die Nase gefallen. Religiös wurden die meisten erst im Gefängnis und radikalisiert sowieso.

Das Kalifat? Auch IRA oder ETA strebten nach einer Art Homeland

Man wird einwenden: Aber warum reden sie denn vom Kalifat? Warum nennen sie sich «Islamischer Staat»? Der Einwand ist berechtigt, er zeigt, dass es die andere Schiene auch gibt. Und das ist eine, die wir kennen. In Europa hat sie nationalistische oder ethnische Wurzeln: Die IRA in Nordirland, die ETA im Baskenland – das waren Bewegungen, die mit Gewalt eine Art Homeland erlangen wollten. Die RAF und die Brigate Rosse waren in den Mitteln, nicht aber in Motivation und Ziel vergleichbar.

Auf welche Frage – oder besser: auf welchen Wunsch – ist das Kalifat die Antwort? Sie fällt leicht, aber sie ist nicht beliebt. Die islamische Welt, nicht nur die arabische, krankt daran, dass sie politisch nur zwei Modalitäten kennt: säkulare Potentaten oder feudale Clanherrschaft. Beiden gemeinsam ist, dass sie kaum Entwicklung zulassen und dass sie Korruption und Günstlingswirtschaft praktizieren. Alternativen dazu scheint es – das ist das frustrierende Fazit des sogenannten «Arabischen Frühlings» – nicht zu geben. Und leider haben die westlichen Kolonialherrschaften, auch wenn das schon lange her ist, Werte wie Demokratie oder politische Freiheit ziemlich diskreditiert.

Wer alles gegen den IS ist, wird sich nie zusammenfassen lassen

Diese Doppelspur müssen wir im Gedächtnis behalten, wenn wir uns überlegen, wie wir diesem Terrorwahn entgegentreten wollen. Gegen Einzeltäter – welche Fahne sie auch immer schwingen – hilft nur Polizeiarbeit. Und zwar möglichst koordiniert. Also kein «Krieg gegen den Terror» oder solche Dinge. Und gegen einen SpontanFanatiker, der beschliesst, auf der Zürcher Bahnhofstrasse einen Zivilisten zu köpfen, hilft möglicherweise gar nichts. Denn diese Irren warten nicht auf den Befehl einer Organisation oder sie glauben, ihn schon lange erhalten zu haben.

Sucht man trotzdem nach Motiven für solche Taten, wird es schnell unverbindlich. Man wird zustimmen, dass es das braucht, was die Soziologen einen «Resonanzraum» nennen: ein Publikum, das sich ein solches Video auch anschaut – ob mit Abscheu oder Faszination ist nebensächlich. Und irgendeine – wenn auch an den Haaren herbeigezogene – «Begründung»: das kann eine Beleidigung des Propheten sein oder sonst was.

Gar nichts hilft, sich zu fragen, was denn am Islam so falsch sei. Entweder alles oder gar nichts. Dass der Islam gerade in den kritischen Weltgegenden heimisch ist, ist mehr oder weniger Zufall. In Japan hat auch eine Sekte versucht, Leute in der U-Bahn zu vergiften.

Wenn das Ziel «Kalifat» wirklich ein politisches ist, dann müsste die Politik den Weg weisen, wie es zu verhindern wäre. Aber das scheint im Moment unendlich schwierig. Was da alles gegen den IS ist, wird sich nie auch nur ansatzweise zusammenfassen lassen: das Assad-Regime, die Kurden, die Schiiten, die Öl-Multis … und Barack Obama. Der hat das Problem aber von seinem Vorgänger, der die Region erst aufgemischt hat, geerbt.