Abschluss

Zum Jahresende die Zahlenflut

Zum Jahresende wird gerechnet. (Symbolbild)

Zum Jahresende wird gerechnet. (Symbolbild)

Zum Jahresende wird Bilanz gezogen, Rankings werden erstellt und Hitlisten geschrieben. Sibylle Lichtensteiger über die Vermessung der Schweiz und den Erfolg in Zahlen.

Während unsereins das Jahresende vor Augen hat, den Schreibtisch aufräumt, das Altpapier bündelt, die letzten Kaffeetassen abwäscht und dem Arbeitsplatz für dieses Jahr so langsam den Rücken zuwendet, krempelt in den Büros landauf, landab eine Berufsgattung die Ärmel hoch: die Buchhalterinnen und Buchhalter. Sie sortieren jede Zahl, ordnen sie der richtigen Nummer zu und addieren schliesslich alles zu einem grossen Ganzen. Egal ob Fussballklub oder Fischereiverband, Kegelverein oder Kirchgemeinde, Straf-, Kultur- oder Finanzanstalt, bei allen wird in diesen Tagen gerechnet – bis er zu Jahresende steht: der Jahresabschluss.

Zahlen und Rekorde

Und mit diesen Zahlen auf dem Tisch haben wir es dann rot oder schwarz auf weiss: minus oder plus. Und wir wissen auch warum, egal ob Kirchgänger, Fussballfans, Museumsbesucher oder Bankkunde: Die Zahlen sagen uns, ob sie mehr oder weniger geworden sind, wie viel sie einbezahlt und wie viel wir in sie investiert haben. Und dann rechnen wir, wie viel die Kirche pro Kopf kostet, ein Quadratmeter Ausstellungsfläche pro Besucher und ein Kunde pro Betreuung-Minute. Die Vermessung der Schweiz findet Ende Jahr allerorts statt. Und dann ziehen wir die grosse Bilanz und messen unseren Erfolg – in Zahlen.

Was das Weihnachtsgeschäft 2015 betrifft, sieht die Bilanz bestimmt rosig aus. Die Zahlen werden sich sehen lassen. Ich weiss das, weil ich es gestern mit eigenen Augen gesehen habe: an der Bahnhofstrasse in Zürich. Oben funkelt der Lichter-Himmel und unten wird eingekauft, was das Zeug hält. Ich war auch dabei, stand in den Menschenschlangen und hab zum erfolgreichen Weihnachtsverkauf beigetragen. Mit Geschenken vollbepackt, hab ich mich auf den Heimweg gemacht. Das Fahrrad war kaum zu steuern. Und so fuhr ich unter anderem durch meine Nachbarschaft, vorbei an der Kirche und an der Zivilschutzanlage.

Auch dort ist es zurzeit eng. Auch dort stehen Menschen Schlange. 125 Flüchtlinge sind soeben eingezogen. Sie schlafen dicht an dicht – Kajütenbett an Kajütenbett. Wenn das Essen angeliefert wird, stehen sie in einer langen Reihe und setzen sich in einen der kleinen fensterlosen Aufenthaltsräume. Und ich fahre vorbei, vollbepackt und mit schlechtem Gewissen. Über 60 Millionen Menschen seien zurzeit auf der Flucht, so viele wie noch nie. Flüchtlingsrekord lautet deshalb die traurige Bilanz der UNO an diesem Freitag vor Weihnachten.

Rankings und Bestseller-Listen

Unter den vielen Zahlen zum Jahr 2015 finden sich nebst den tragischen auch ganz harmlose. Denn alle ziehen in diesen Tagen Bilanz. Und darum ist das Jahresende auch die Zeit der mannigfaltigsten Rankings: die 20 publikumsstärksten Filme, die 15 meistgehörten Songs, die 100 meisterkauften Bücher, die 300 reichsten Schweizer. Und nebst denen, die das alles ausrechnen, haben im Dezember auch die Jury-Mitglieder Hochkonjunktur. Sie küren für die Zukunft: den Europäischen Biber zum Tier des Jahres 2016, Nenad Mlinarevic zum Koch und den Opel Astra zum Auto des Jahres 2016. Und sie küren für die Vergangenheit: den Sportler des Jahres 2015 (Stan Wawrinka), den Lehrling (der Strassentransportfachmann Roger Wenger) und das Wort des Jahres (Einkaufstourist).

All diese Ranglisten und Rekorde des Jahres nehme ich zur Kenntnis. Die einen beschämt, die andern ratlos, die meisten achselzuckend. Das eine oder andere Ranking sorgt für Diskussionsstoff. Zum Beispiel das Jugendwort des Jahres 2015 – es lautet Smombie, zusammengesetzt aus Smartphone und Zombie. Das sei ja lächerlich, meinten meine beiden Teenie-Töchter: «Das sagt kein Mensch und findet höchstens ein Erwachsener lustig.»

Apropos Ranglisten und Jahres-Bilanz. Dies hier ist meine zehnte und letzte Kolumne für die az. In Zahlen schrieb ich 42 745 Zeichen ohne Leerzeichen. Die wahre Bilanz aber, die ziehen Sie, liebe Leserinnen und Leser. Und ich weiss nur so viel: Sie misst sich nicht in Zahlen.

Seit 2002 leitet Sibylle Lichtensteiger die Kulturinstitution Stapferhaus Lenzburg. Davor hat sie Geschichte studiert und als Journalistin bei Radio DRS gearbeitet. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.

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