Vor zwei Jahren brachten meine Kollegen Simon Graf und Marco Keller ein Buch heraus: «Jubeljahre. Die goldene Ära des Schweizer Tennis». Es schien, als sei die Zeit reif, Bilanz zu ziehen. Ein Jahr zuvor hatte Federer seinen 17. und bisher letzten Grand-Slam-Titel gewonnen, in Wimbledon. Inzwischen stehen auf dem Konto der Nation zwei weitere Triumphe bei den Major-Turnieren, dank Stan Wawrinka, 2014 in Australien und vor gut zwei Monaten in Paris. Dazwischen liegt der Erfolg im Davis-Cup mit dem Finalsieg in Lille über Frankreich. Die Autoren haben mehr als genug Stoff, die «Jubeljahre» zu verlängern. Nicht nur dank der Aushängeschilder Federer und Wawrinka. Seit diesem Jahr spielen sich auch die Frauen wieder ins Rampenlicht: Belinda Bencic triumphiert in Toronto, schlägt dabei Serena Williams, die Timea Bacsinszky in Paris im Halbfinal stoppte.

Heinz Günthardt schrieb als erster Schweizer, Schlagzeilen, gewann vor 49 Jahren das Juniorenturnier von Wimbledon. Gesundheitliche Probleme verhinderten mehr als Platz 22 der Welt. Es folgten Jakob Hlasek und Marc Rosset, zwei völlig verschiedene Typen, die sich im Davis-Cup zusammenrauften und es 1992 bis in den Final brachten. Dann ging es Schlag auf Schlag. Martina Hingis holte fünf Jahre später den ersten Grand-Slam-Titel im Einzel für die Schweiz, inzwischen sind es 24. Nur sieben Nationen haben öfters gewonnen, darunter die USA, Australien, Grossbritannien und Frankreich, die von ihren Heimturnieren profitieren, bei denen sie in der Steinzeit des Tennis praktisch jeweils unter sich blieben. Hingis stürmte an die Spitze der Welt. Immer in ihrem Schatten stand da Patty Schnyder, obwohl sie ebenfalls zu den Top 10 gehörte. Fünf Jahre nach ihrem ersten Grand-Slam-Sieg hatte Hingis zunächst einmal genug, die grosse Bühne gehörte nun den Männern, vor allem Federer, in dessen Schatten sich Wawrinka konstant entwickelte. Die Nummern drei und fünf der Welt sind sie aktuell.

Der Name Bencic taucht in den «Jubeljahren» noch gar nicht auf

Ganz so weit sind die Frauen noch nicht, aber es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis zumindest eine Schweizerin unter den besten zehn auftaucht. Bencic ist neu die Nummer 12 der Welt, zwei Plätze dahinter folgt Bacsinszky. Der Name Bencic taucht in den «Jubeljahren» noch gar nicht auf, kurz vor dem Erscheinen des Buches gewann sie die Juniorentitel von Paris und Wimbledon. Nun hat sie in der Welt der Grossen endgültig Fuss gefasst, ihre ersten zwei Turniere gewonnen. Das Schweizer Tennismärchen geht weiter. Vier Profis, Federer, Wawrinka, Bencic und Bacsinszky, standen in Wimbledon im Achtelfinal. In zwei Wochen beginnt das US Open, warum sollte es das Quartett dann nicht geschlossen in die Viertelfinals schaffen? Die Qualität dazu hat es.

Ivan Bencic setzt auch auf die Erfahrung einer Spitzentrainerin

So erfolgreich die vier sind, so unterschiedlich sind ihre Wege. Federer, der über den Verband Swiss Tennis kam. Wawrinka, der seinen ganz eigenen Weg ging, bis zum Juniorentitel von Paris 2003. Bacsinszky und Bencic laufen unter der Bezeichnung Hybridspieler, weil sie sportlich selbstständig sind, aber der Verband sie unterstützt. Ivan Bencic selbst trainiert seine Tochter, wie es einst Igor Bacsinszky tat, der dem Talent aber die Lust raubte. Bencic dagegen setzt auch auf die Erfahrung der Spitzentrainerin Melanie Molitor, die einst ihre Tochter Martina Hingis an die Weltspitze führte. Hingis, inzwischen wieder Weltklasse im Doppel, steht dem Duo Bencic ebenfalls mit Rat zur Seite.

Mit seinem ehemaligen Eishockeykollegen Marcel Niederer hat Bencic einen Manager ins Boot geholt, der für die notwendigen Mittel sorgt. «Solche Erfolge erleichtern meine Arbeit natürlich. Wir wollen das letzte verbleibende Logo auf Belindas Tennis-Trikot noch mit einem Schweizer Werbepartner besetzen», sagt Niederer, der via Fernsehen und Internet bei den Matches mitfieberte. Natürlich seien die Sponsoren begeistert. Niederer ist auch überzeugt, dass Bencic bereits beim US Open einen weiteren Karriereschritt machen kann: «Wer beim Hartplatz-Turnier in Toronto die Nummern 1, 3, 5 und 6 schlägt, dem ist in New York auch der Halbfinal oder mehr zuzutrauen.» Bisher ging Belinda Bencic entschlossen ihren Weg – wie die anderen Schweizer auch. «Zielbewusst und unheimlich fleissig», sagt Niederer. Die Schweizer Tennisfans dürfen wohl weitere Jahre jubeln.