Analyse

Zehnjährige WM-Schwimmerin: Spielplatz statt Pool?

Alzain Tareq startet über 50 Meter Schmetterling sowie Freistil

Alzain Tareq startet über 50 Meter Schmetterling sowie Freistil

Warum kann eine Zehnjährige an einer Schwimm-WM starten und macht das überhaupt Sinn. Eine Analyse von «Nordwestschwiez»-Stagiaire und Wettkampfschwimmerin Carla Stampfli.

Eingehüllt im Badetuch stand sie da, die Schwimmerin aus Bahrain. Mit der Badekappe knapp über die Ohren gezogen und der pinkfarbenen Schwimmbrille auf der Stirn beantwortete sie die Fragen der Journalisten. Gerade eben hatte Alzain Tareq den Vorlauf über 50 Meter Delfin bestritten, nun war sie in der sogenannten «Mixed zone», wo Athleten und Medienvertreter zusammentreffen. Eigentlich ist es für uns Schwimmer nichts Ungewöhnliches, nach dem Rennen einige Statements abzugeben. Anders war es für die Athletin aus dem Königreich: Gleich bei ihrer ersten Teilnahme an einer Schwimm-Weltmeisterschaft hatte sie alle Blicke auf sich gezogen, musste Dutzende von Interviews geben.

Für Aufsehen gesorgt hatten aber nicht etwa ihre Zeiten, sondern ihr Alter: Alzain Tareq ist zehn. Während die Muskeln ihrer Konkurrentinnen aus den Wettkampfanzügen fast schon herausquollen, verschwand der filigrane Körper der Bahrainerin darin. Auch beim Start musste sie im Gegenzug zu den anderen Athletinnen wortwörtlich auf den Block krabbeln. Ich habe Alzain Tareq zwar nur während des Delfin-Rennens gesehen (sie startete auch über 50 Freistil), dennoch kamen mir zwei Fragen auf: 1. Warum eine Zehnjährige an einer WM starten kann. 2. Ob es überhaupt Sinn macht, dass sie startet.

Der Weltschwimmverband FINA kennt keine Altersbeschränkung

Die Frage nach dem Warum ist schnell geklärt: Im Gegensatz zur Europameisterschaft gibt es bei der WM keine Altersbeschränkung. Hinzu kommt, dass der organisierende Weltschwimmverband (FINA) Länder fördert, in denen der Schwimmsport kaum bis gar nicht präsent ist – deren Athleten deshalb auch keine Leistungsausweise in Form von Qualifikationszeiten erreichen müssen.

Die Frage nach dem Sinn ist kniffliger zu beantworten. Der Cheftrainer der deutschen Nationalmannschaft hatte sich nach dem Auftritt kritisch geäussert: «Ich glaube, eine Zehnjährige ist lieber auf dem Spielplatz statt hier bei einer WM.» Ob Alzain Tareq wirklich lieber «ritigampft», wage ich zu bezweifeln. Denn bei den Interviews war ihr die Begeisterung anzusehen, sie hörte nicht auf zu lächeln, ihre Augen strahlten. Auch schwimmtechnisch gesehen, ist sie auf einem guten Weg. Trotzdem: Zehnjährige sollten sich sehr wohl im Schwimmbecken austoben – nicht aber an einer WM starten. Dies, aus verschiedenen Gründen: Als Kind soll der Spass im Vordergrund stehen, ein Grossanlass wie die WM ist kein Vergnügungsort. Als ich mich im Jahr 2000 zum ersten Mal für eine Europameisterschaft qualifiziert habe – notabene eine «Stufe» tiefer als die WM und mit 16 (!) Jahren – kam ich auf die Welt. Zwar schaffte ich es damals unter die besten 16, dennoch war es das Gegenteil von dem, was ich gewohnt war: Statt zur Spitze gehörend, schwamm ich nun hinterher.

Der Weg an die Spitze muss gut vorbereitet sein

Auch das Tohuwabohu drumherum geht nicht spurlos an einem vorbei. An den Olympischen Spielen 2004 war ich wie gelähmt: Athletendorf, Eröffnungsfeier, Erwartungsdruck (am meisten von mir selber), ein vollgestopfter Tagesablauf mit Presseterminen, etc. Mein Kopf war alles andere als bei der Sache. Kaum anders war es ein Jahr später bei meiner ersten WM-Teilnahme. Zudem kommt auch die physische Belastung hinzu. Nach den mehrtägigen Grossanlässen war ich jeweils ausgelaugt, der Alltag machte mir zu schaffen, war betrübt. Dank meiner Trainerin war ich aber gut darauf vorbereitet: Sie liess mich in jungen Jahren an zig regionalen Wettkämpfen und an Schweizermeisterschaften Erfahrungen sammeln.

Nachdem ich ein gewisses Niveau erreicht hatte, nahmen wir auch regelmässig an Rennen im nahen Ausland teil. Hätte sie mich nicht schrittweise an die EM, WM oder an die Olympischen Spiele herangeführt, wäre ich nicht reifer, stärker geworden – mir wäre die Freude am Schwimmen wohl schnell einmal vergangen.

Vielleicht tue ich Alzain Tareq unrecht. Vielleicht sehen wir sie schon bald von einem WM-Siegerpodest lächeln. Doch meine Erfahrung zeigt mir: Für eine so junge Athletin kann es nicht «gesund» sein, aus dem Nichts an die Spitze katapultiert zu werden. Deshalb sollte der Weltschwimmverband, genau wie der Europäische, eine Altersuntergrenze einführen. Damit ein Kind neben dem Sport auch Kind sein kann.

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