Essgewohnheiten

Wie Veganer in Frankreich

Schluss mit Foie gras: Die Franzosen entdecken die vegane Küche. (Symbolbild)

Schluss mit Foie gras: Die Franzosen entdecken die vegane Küche. (Symbolbild)

Frankreich ist nicht länger das Land des zügellosen Schlemmens. Statt Foie gras gibt es nun Broccoli und Salat. Peter Rothenbühler über die neuen Essgewohnheiten in der Grande Nation.

Frankreich würdigte letzte Woche den sozialistischen Präsidenten François Mitterrand mit Reden, Büchern, Sendungen und Kranzniederlegungen zu seinem 20. Todestag. Ich fühle mich als französisch-schweizerischer Doppelbürger dem Mann insofern verbunden, als er ein Geniesser war: Er liebte das gute Essen, grosse Tafeln mit Freunden, trank gerne ein Glas Rotwein und begab sich, wenn ihn die Arbeit nervte, am liebsten zu längeren Spaziergängen durch diverse Buchhandlungen. Was mir auch gefiel: Er liess sich jeweils am 31. Dezember gebratene «Ortolans» (Ammern) servieren, deren Jagd in Frankreich verboten ist, aber paradoxerweise nicht deren Verzehr. In den Landen im Südwesten gehört das Ortolan-Essen immer noch zu den kulinarischen Traditionen. Die Vogelschutz-Liga konnte sich furchtbar ereifern, als in einer Mitterrand-Biografie erwähnt wurde, dass der Präsident auch am 31. Dezember 1995, also nur wenige Tage vor dem Tod, noch Singvögelchen gespeist hatte.

Frankreich ist nicht mehr das Land des zügellosen Schlemmen

Nun, diese Zeiten sind definitiv vorbei, heute würde kein Politiker mit Ortolans auf der Speisekarte gewählt. Frankreich ist nicht mehr das Land des zügellosen Schlemmens, wie ich am letzten Silvester feststellen musste: Ich freute mich schon auf das üppige Essen mit meinen Freunden an der Côte d’Azur. Der eine hat jeweils die Austern mitgebracht, der zweite frische Entenstopfleber, Foie gras direkt aus dem Gers, dazu gab es Wachteln oder Pintaden, ich stiftete dazu ein paar Flaschen hervorragenden Wein, und zum Dessert gabs eine Buche de Noël, eine Art Baumstamm mit Crèmefüllung.

Und wie konnten wir doch lachen über den Unterschied zwischen den Schweizern mit ihrem dauernd schlechten Gewissen beim Essen und den Franzosen, die noch wussten, was gut ist. Vor ein paar Jahren war der Unterschied auch am Fernsehen zu beobachten: Frankreichs TV brachte appetitanregende Dokumentarfilme über Gänse- und Entenleberhersteller, die ihre glücklichen Vögel zeigten, die endlosen Auslauf genossen. Das Schweizer Fernsehen brachte gleichzeitig abschreckende Filme, die zeigten, wie arme Enten brutal gestopft werden. So war es jahrelang, und als Schweizer, der wusste, dass unsere extremen Tierschützer, unterstützt von den Veganern, jeden Menschen, der noch mit Genuss Foie gras speist oder gar Froschschenkel, als Mörder betrachten, habe ich mich hierzulande etwas zurückgehalten und immer darauf gefreut, in Frankreich wieder mal zu schlemmen wie Gott in Frankreich.

Gastronomischer Widerstand wie einst Mitterrand

Doch diesmal, oh Schreck, erklärten mir meine Freunde, es gebe keinen Foie gras. Man wolle nicht mehr Komplizen dieser unmenschlichen Behandlung der Enten sein. Austern gebe es schon, denn die hätten ja keine Gefühle. Meine französischen Freunde sind, halten Sie sich fest: Veganer geworden! Unser Silvestermahl bestand aus Kinoa, Broccoli, Linsen, Rüebli, Salat, und zum Dessert gabs schwarze Schokolade, für die musste kein Tier sterben. Meine Freunde machen jetzt auch Meditation, lesen allerhand Bücher über die Verbrechen der Menschen, die aus lauter Genusssucht Enten krank machen, um ihnen die fettige Leber aus dem Leib zu reissen und den armen Kuh-Mamis nur erlauben, Kälber zu gebären, um diese herzigen Bébés – ja, Kälber heissen jetzt Bébés! – brutal abzuschlachten und zu Plätzli zu zerlegen. Rotwein war okay, auch dafür musste kein Tier sterben. Und was haltet ihr, liebe Freunde, fragte ich naiv, von der Ernährungskette, wo praktisch jedes Tier von einem andern aufgefressen wird und an deren Ende die Krone der Schöpfung, der Mensch, steht, der sich für seinen Proteinbedarf halt auch bei den Tieren bedient? Ob denn vielleicht bei dieser bedingungslosen Liebe zum Tier nicht etwas Menschenverachtung mitschwinge. Tier gut, Mensch schlecht? Eigentlich schon, geben sie zu: Die Tiere müssen Tiere essen, das ist ihre Natur, sie sind gut. Wir machen es ohne Not und aus Egoismus, wir könnten auch von Salat leben.

Zurück in der Schweiz habe ich mir zuerst mal ein schönes Stück Foie gras gepostet, dazu Lebkuchen und eine gute Flasche Sauternes und bei mir zu Hause die neue Einsicht gefeiert: Frankreich kann überall sein. Die militanten Veganer sind es leider inzwischen auch. Ich werde jetzt Mitglied des Widerstandes, wie damals Mitterrand. Nur einfach gastronomisch.

* Der Autor, Journalist und Editorial Designer, war Chefredaktor von «SonntagsBlick», «Schweizer Illustrierte» und «Le Matin». Er lebt in Lausanne und Paris.

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