Das Stück heisst «Der zerbrochene Krug», verfasst hat es Heinrich von Kleist: Ein Dorfrichter muss über eine Tat urteilen, die er selbst begangen hat. Bundesbern hat den Klassiker adaptiert: Die Kollegen von Christa Markwalder wollen die Bernerin nicht für ein Vergehen belangen, das sie selber oft genug begehen. Die Aussenpolitische Kommission wie das Büro des Nationalrats verzichten auf Sanktionen wegen Verletzung des Kommissionsgeheimnisses. 

Tatsächlich gehören Indiskretionen zum Bundesberner Alltag. Wahr ist auch: Unmittelbarer Schaden ist der Schweiz aus Markwalders Verhalten nicht erwachsen – wenn man von der Kleinigkeit absieht, wie sehr der Ruf des Parlaments gelitten hat.

Mit Wohlwollen wertet man die jüngsten Beschlüsse in dieser Geschichte als Ausdruck von Pragmatismus. Ein nicht ganz so höflicher Beobachter dagegen wähnt sich weniger in einer Aufführung von «Der zerbrochene Krug», sondern einfach nur in einem Schmierentheater. Worin sich Pragmatiker wie Prinzipienreiter aber hoffentlich einig sind: Die gestrige Reaktion von Christa Markwalder ist unangebracht.

In einer Mitteilung präsentierte sie sich als unschuldige Landesmutter, die einzig ans Wohl der Allgemeinheit denkt. Von ihren Verfehlungen – und diese hats gegeben – ist nicht einmal am Rand die Rede. So viel Selbstgefälligkeit ziemt sich vielleicht für eine Filmdiva. Aber nicht für die Nationalratspräsidentin des kommenden Jahres, die Markwalder doch so gern werden will.