VW-Skandal

Der Fehler liegt im System

Steuermann geht von Bord: VW-Chef Martin Winterkorn nimmt den Hut. (Archiv)

Steuermann geht von Bord: VW-Chef Martin Winterkorn nimmt den Hut. (Archiv)

Alle spielten das Spiel mit. Es gab gar keine Wahl. Die Analyse zum Abgas-Skandal bei VW und zum grossen Verlierer – dem Umweltschutz.

Dass es ausgerechnet ihn, der doch das Automobil nicht nur liebt, sondern lebt, (als Ersten) getroffen hat, wird Martin Winterkorn wohl am meisten schmerzen. Noch letzte Woche, auf der IAA in Frankfurt, war er der mächtigste Mann der Automobil-Industrie, auf dem Weg zur Weltmarktführerschaft. Plauderte mit der Bundeskanzlerin und verkündete den Aufbrauch in eine neue Welt des Automobils – die vernetzte Mobilität, die Digitalisierung des Alltags. Doch übers Wochenende schlug das Schicksal zu. Erst leise, doch bald war es ein Tsunami, der über den Mann hinwegfegte. 11 Millionen getürkte Fahrzeuge, ein Börsenverlust von Dutzenden Milliarden Franken und die nicht besonders erfreuliche Aussicht auf eine Anklage wegen Betrugs in den USA: Man will dieser Tage nicht in der Haut von «Wiko» stecken, dem CEO der VolkswagenGruppe. Sein Rücktritt ist nur eine logische Folge.

Alle zogen mit – aus Angst

Es ist müssig darüber zu diskutieren, ob er von Tricksereien, dem «Wastegate» um die Stickoxid-Werte der VW-Dieselmotoren, gewusst hat. Winterkorn, der Ingenieur, von seinen Mitarbeitern sowohl gefürchtet wie auch geliebt für seine akribische Arbeit, sein immenses Wissen, seine Fähigkeit, ein geniales System wie den Modularen Quer-Baukasten (MQB) nicht bloss zu erdenken, sondern auch in allen Feinheiten zu justieren, war mit Garantie nicht bloss informiert, sondern hat die entsprechende Software abgenickt. Es ist dies ja auch jetzt das Problem des Konzerns: die meisten anderen Bosse, mit Ausnahme vielleicht von Sergio Marchionne (Fiat) und Carlos Ghosn (Renault-Nissan), sind austauschbare Grössen. Winterkorn nicht, er weiss alles, wollte immer alles wissen, hat seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt, um den 600 000 Mitarbeitern ein guter Patron zu sein und den Umsatz auf 200 Milliarden hochzutreiben. Doch nun: ein Scherbenhaufen. Und: Den Schaden hat nicht nur Volkswagen, sondern «made in Germany». Sehr wahrscheinlich wird es noch weitere Opfer geben.

Winterkorn ist mit Verve vorangegangen, hat – mit dem noch mächtigeren, sicher ebenfalls «informierten» Ferdinand Piëch – eine ganze Industrie gezwungen, ein wahnsinniges Tempo anzuschlagen. Gerne hat sich die Auto-Branche gebrüstet, die extremsten Fortschritte in Sachen Umweltschutz zu schaffen, alle Normen zu übertreffen. Euro 6, kein Problem, das können alle. EU-Vorgaben in Sachen CO2-Emissionen? Ein Klacks, packen wir alleweil, sogar weit schneller als von Brüssel vorgegeben. Und wenn nicht, werden die Daten – sic! – angepasst. Alle spielten das VW-Spiel mit, mussten sie ja auch, sonst wären sie gegen VW, Audi, Skoda, Seat etc. noch weiter ins Hintertreffen geraten. Verlieren werden nun wohl auch alle. Darum wirft die Konkurrenz jetzt auch keine Steine. Denn alle sitzen im Glashaus.

Doch der Fehler liegt im System. Die AutoIndustrie, eine der grössten und mächtigsten überhaupt, ist getrieben vom kapitalistischen Grundgedanken. Immer mehr, immer grösser muss es sein. Dafür geht man in Wolfsburg, Detroit oder Tokio jedes Risiko ein – und auch über alle Vorschriften hinweg. Theoretisch müsste die Politik da ein Auge darauf haben. Doch es geht um Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Handelsbilanzen. Da kann doch so ein – eh ziemlich aus der Luft gegriffener – amerikanischer Stickoxid-Grenzwert kein Thema
sein. Schon gar nicht für Unternehmenschefs wie Prof. Dr. Martin Winterkorn. Der musste
sich immer ums grosse Ganze kümmern. Um 200 Milliarden Jahresumsatz. Da hüpften Brüssel, aber auch Berlin und Bern, gerne mit. Denn man weiss, wohin der Hase läuft.

Software denkt nicht mit

Wir brauchen kein Mitleid zu haben, weder mit Winterkorn noch mit dem Volkswagen-Konzern oder der gesamten Auto-Industrie. Winterkorn kassierte jahrelang Millionen, genau wie seine CEO-Kollegen, Aktionäre oder Lobbyisten und gefälligen Politiker. Wird Fritzli mit dem frisierten Mofa vom Dorfpolizisten angehalten, reicht «Bedauern» (Zitat Winterkorn) nicht, dann muss er Busse tun. Doch Winterkorn hat nicht ein Mofa frisiert, sondern mindestens 11 Millionen Autos.

Das grosse, wahre Problem ist allerdings ein anderes: der Umweltschutz. Er wurde – wieder einmal – mit Füssen getreten. Das war Winterkorn und seiner Volkswagen-Gruppe egal. Völlig egal sogar. Und das stimmt traurig, sehr traurig sogar. Doch so weit kann eine manipulierte Software eben nicht denken.

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