Meinung

Vergesst die Suppe nicht!

Zur Verfügung gestellt.

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Die drei Ks – sie bringen fette Schlagzeilen: Korruption, Katastrophen, Krisen. Aber immer häufiger erlebe ich, dass Menschen in meinem Umfeld auf mich zukommen und sagen, ihnen sei die geballte Ladung an täglichen Bad News einfach zu viel.

Muss sich der Journalismus also neu erfinden? Nein, muss er nicht. Und doch: Er sollte sich öffnen. Das Zauberwort der Stunde heisst «Constructive Journalism». Mit neuen, mit anderen, mit positiveren Geschichten soll die Negativ-Spirale des Newsgeschäfts gestoppt werden.

Die Idee ist interessant, sie muss allerdings noch genau definiert und breiter umgesetzt werden.

Grundsätzlich: Uns Medienschaffenden wird ja gerne vorgeworfen, bloss Fehltritte und Skandale seien unsere Nahrung. Nein, so ist das nicht. Journalisten haben die Pflicht, Probleme zu benennen, unbequeme Fragen zu stellen und ungefiltert zu informieren.

Wir müssen einordnen, kritisch sein und Missstände aufdecken. Das alles braucht es mehr denn je. Aber ich bin überzeugt, in einer zunehmend komplexen Welt sollten Journalisten nicht nur den Finger auf die wunden Punkte legen, sie sollten vermehrt auch Lösungen aufzeigen.

Denn: Indem Medien gewisse Dinge weglassen – und das kann eben auch der positive Aspekt einer Geschichte sein –, malen sie zum Teil auch ein verzerrtes Bild. Es geht um die grösseren Zusammenhänge. Oder wie es der Übervater des «Constructive Journalism», der Däne Ulrik Haagerup, sagt: «Journalisten dürfen nicht nur über die Fliege in der Suppe erzählen, ohne die Suppe selbst zu erwähnen.»

«Constructive Journalism» oder das Schlechte soll der Hoffnung weichen

Hierbei zuerst eine Erklärung (nicht zu verwechseln mit einer Entschuldigung) und dann ein Wunsch. Die Erklärung: Neben der Grundaufgabe des Journalismus, eine Art Wachhund in der Gesellschaft zu sein, ist das Mediengeschäft auch ein knallharter Verdrängungswettkampf.

Kristina Nolte betont in ihrem Buch «Kampf um Aufmerksamkeit», dass zwischen Welt und Mensch ein sogenanntes Komplexitätsgefälle existiere. Sie zitiert Forschungsergebnisse, die bereits 1987 eine Informationsüberlastung von 97 Prozent ausmachten; als Folge der konkurrierenden Angebote, der Massenmedien.

Seither buhlen ja noch viel mehr Medien um die Gunst der Konsumenten. Und die sozialen Medien sind auch noch dazugekommen. Aufmerksamkeit ist also eine knappe Ressource. Schwelende Konflikte, die Dichotomie zwischen Gut und Böse, die Aufteilung in Freund und Feind, der gefallene Held.

All diese Elemente gehören seit je zu den Grundmustern des Erzählens, also ist es auch leichter, mit solchen Geschichten Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Hier kommt also die erste Hürde: «Constructive Journalism» bedeutet ein radikales Umdenken, einen neuen Fokus. Plötzlich soll nicht mehr das Problem, sondern die Lösung im Zentrum stehen.

Das Schlechte soll der Hoffnung weichen. Die Umsetzung dieser neuen Geschichten hat aber noch eine zweite hohe Hürde im Medienalltag. Über all dem schwebt die Ur-Angst der Journalisten. Nämlich die, in die PR-Falle zu tappen, sich für einen vermeintlich guten Zweck «einspannen» zu lassen und somit den Grundsatz nach Hans Joachim Friedrichs – «mach Dich nicht mit einer Sache gemein» – zu verletzen.

Statt entweder oder sowohl als auch – das wäre ein Anfang

Und nun der Wunsch: Ja, ich hoffe, dass meine Branche die Debatte um «Constructive Journalism» ernst nimmt. Konstruktiv zu sein, bedeutet nicht, unkritisch zu sein, bedeutet nicht, Unabhängigkeit und Objektivität zu verraten. Im Gegenteil.

Es könnte der Ausweg aus einem Journalismus sein, der sich streckenweise damit begnügt, kurzfristig Wind zu machen, aufzufallen, nur das abzubilden, was gerade ist, statt weiterzudenken und wirklich Wirkung zu erzielen. Und das meine ich durchaus auch selbstkritisch.

Zum Beispiel zeigte ich in einer meiner letzten «Rundschau»-Reportagen, wie Schweizer Unternehmer auf grosse Geschäfte mit dem Iran hoffen, während die Menschenrechtssituation nach wie vor prekär ist. Das an sich ist ein wichtiges Thema. Daran halte ich fest.

Aber ich besuchte in Teheran einen Lehrer, der im ganzen Land Sportschulen für Frauen aufgebaut hat, um so ihr Selbstbewusstsein und so die Zivilgesellschaft als Ganzes zu stärken. Genau dieser Aspekt der Geschichte fiel dann beim Beitrag aus Zeitgründen raus. Das würde ich inzwischen wohl anders machen. Statt entweder oder sowohl als auch – das wäre ein Anfang.

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