Zu dem schlimmsten Anschlag der türkischen Geschichte tritt die politische Tragödie der unüberbrückbaren Gegensätze in der Türkei.

Selbst ein solches Blutbad vermag es nicht, eine Gemeinsamkeit der Demokraten entstehen zu lassen, in der alle Parteien des Parlaments zusammen gegen den Terror Stellung beziehen.

Vielmehr beschuldigt die Kurdenpartei HDP die Regierung, an einer brutalen Gewalttat gegen das eigene Volk beteiligt gewesen zu sein. Beweise dafür legt die HDP nicht vor – ihre Anhänger glauben ihr auch so. Auf der anderen Seite fertigt die Regierung in kalter Arroganz ihre Kritiker mit dem Hinweis ab, sie könne – selbst nach dem Tod so vieler Menschen – keinerlei Mängel im Sicherheitsapparat erkennen. Wer kann da noch eine lückenlose Aufklärung des Anschlags erwarten?

Die Polarisierung der türkischen Gesellschaft, die von der Regierung jahrelang aus wahltaktischen Gründen vorangetrieben wurde, ist inzwischen so beherrschend geworden, dass es kaum noch Brücken zwischen den verschiedenen Lagern gibt.

Unterdessen wirkt sich der Konflikt im benachbarten Syrien immer mehr und mit immer schlimmeren Folgen auf die Türkei aus. Wenn es stimmt, dass der Islamische Staat (IS) hinter dem Anschlag von Ankara steckt, ist das ein Alarmzeichen. Experten gehen davon aus, dass der IS das türkische Staatsgebiet als Schlachtfeld für den Kampf gegen «Ungläubige» wie Kurden und Linke betrachtet. Zudem wollen die Dschihadisten die Kurden schwächen, die ihnen im Norden Syriens so viele Schwierigkeiten bereiten. Die Türkei wird immer mehr in den Sog des Syrien-Krieges gezogen – doch die Politiker in Ankara sind mit sich selbst beschäftigt.