Analyse

Tradition lässt sich nicht erkaufen

HCD-Coach Arno del Curto an der Cup-Partie gegen Visp

HCD-Coach Arno del Curto an der Cup-Partie gegen Visp

Eine altbekannte Redewendung besagt: «Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.» Anders ausgedrückt: wieso etwas Neues probieren, wenn das Altbewährte funktioniert?

Im Schweizer Eishockey ist dieser Tage eine Diskussion entbrannt über Sinn und Unsinn des im Hinblick auf diese Saison wieder eingeführten Schweizer Cups. Es wurde ein Wettbewerb reaktiviert, der Jahrzehnte in der Versenkung verschwunden war. Bis die Sportvermarktungsagentur InfrontRingier beschloss, das Projekt neu zu lancieren.

Zugegeben: Der Wettbewerb ist professionell organisiert, bestens vermarktet und dank tatkräftiger (und bisweilen penetranter) Unterstützung des Ringier-Konzerns auch medial gut repräsentiert. Aber das schöne Gewand kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Schweizer Cup im Eishockey überflüssig ist wie ein Kropf. Das mag hart klingen, aber es gibt verschiedene Faktoren, die diese These stützen.

Die Zuschauerzahlen in den Achtelfinal-Partien waren alles andere als berauschend. Mit Ausnahme von Visp, wo die Litterna-Halle angesichts des Gastspiels von Rekordmeister Davos wenig überraschend ausverkauft war (4300 Zuschauer), und des Léman-Derbys zwischen Servette und Lausanne (4500) hielt sich das Publikumsinteresse in Grenzen. Dort, wo nur Alltagskost zu sehen ist, sprich ein Duell unter NLA-Teams, lockt der Schweizer Cup nur die Hardcore-Fans hinter dem Ofen hervor. Das wird auch in den Viertelfinals so sein. Die Begegnungen zwischen Servette und Rapperswil sowie Ambri und Kloten werden alles andere als Kassenschlager sein. Wer mag es den sowieso schon übersättigten Fans verdenken?

Der Cup lockt nur Hardcore-Fans hinter dem Ofen hervor

Der Reiz des Cups ist dann vorhanden, wenn sich unterklassige Teams direkt mit A-Ligisten duellieren. Deshalb werden die Viertelfinals zwischen Langnau und Bern sowie Visp und den ZSC Lions auch für einen sehr guten Fanaufmarsch sorgen. Die Affiche «Gross gegen Klein» ist das, was jeden Cup-Wettbewerb ausmacht, kleine Volksfeste inklusive. Schade nur, dass auch dieser – eigentlich positive – Aspekt mit Vorbehalt beurteilt werden muss. Denn: Dieser Wettbewerb ist sportlich derart belanglos, dass er für die meisten NLA-Teams nicht mehr als ein Nebenschauplatz ist. Im Fussball kann man sich dank Cup-Sieg für die Europa-League qualifizieren. Im Eishockey winkt dem Sieger immerhin eine Viertelmillion Franken. Angesichts von Budgets im zweistelligen Millionenbereich ist das für NLA-Teams aber nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heissen Stein.

Selbst wenn es also eine Sensation gibt, dann ist die mit Vorsicht zu geniessen. Ohne etwas an der Leistung des EHC Visp im Achtelfinal vom Mittwoch schmälern zu wollen: Aber beim HC Davos standen die Zeichen schon vor der Reise ins Wallis auf «Cup-Out». Man kann das als hochgradig unsportlich beurteilen. Die Realität ist aber eine andere: Der wichtigste Wettbewerb neben der Meisterschaft ist in Davos der Spengler-Cup. Das ist zwar auch ein «Plausch-Turnier». Aber eines, mit dem der Klub (überlebenswichtig) viel Geld verdient und vor allem – mit viel Tradition.

Unser Eishockey tickt anders, ist extrem traditionsbewusst

Mit dem Stichwort «Tradition» wären wir wieder beim Ausgangspunkt: Damit der Bauer, sprich der Fan, den Schweizer Cup «frisst», muss er sich erst etablieren – und zwar über viele Jahre hinweg. Aber unser Eishockey tickt anders, ist extrem traditionsbewusst. Deshalb ist eine grosse Portion Skepsis angebracht, wenn es um die Zukunft des Schweizer Cups geht. So schön der Grundgedanke ist: Tradition lässt sich nicht erkaufen. Daran ändert auch die gnadenlose Ringier-PR-Maschinerie nichts.

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