Flüchtlingsdrama

Tausende werden die Fahrt nicht überleben

Ein Schiff der italienischen Küstenwache bei der Insel Lampedusa sucht mit Beibooten nach Überlebenden des Flüchtlingsdramas.

Ein Schiff der italienischen Küstenwache bei der Insel Lampedusa sucht mit Beibooten nach Überlebenden des Flüchtlingsdramas.

In der Nacht auf Sonntag ertranken rund 700 Menschen. Das erneute Flüchtlingsdrama vor Sizilien zeigt: Die Verweigerung von Hilfe in Seenot hält die Flüchtlinge nicht davon ab, sich auf ihre lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer zu begeben.

Es ist wieder einmal so weit: Das Ausmass des jüngsten Flüchtlingsdramas zwingt Europa dazu, sich mit einem Problem zu befassen, mit dem es eigentlich nichts zu tun haben will: Mit den Migrantenströmen aus Afrika und dem Nahen Osten. Und wie immer, wenn die Opferzahl eine psychologische Schwelle überschreitet, tönt es aus Europas Staatskanzleien: So kann es nicht weitergehen, es muss etwas passieren.

Bei den Betroffenheits-Bekundungen klingt ein wenig schlechtes Gewissen mit – und viel Heuchelei. Denn bisher sind den «Nie wieder»-Parolen auf europäischer Ebene keine Taten gefolgt. Das einzige Land, das nach der Katastrophe von Lampedusa Ende 2013 handelte, war Italien. Für die Aktion «Mare Nostrum» gab es vordergründig viel Lob und hinter den Kulissen noch mehr Kritik: Sie sollen es, riet man den Italienern in Brüssel, mit der Rettungsaktion mal nicht übertreiben. Sonst kämen nur noch mehr Migranten nach Europa.

Die jüngste Entwicklung belegt: Die Verweigerung von Hilfe in Seenot hält die Flüchtlinge nicht davon ab, sich auf ihre lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer zu begeben. Das zynische Kalkül geht nicht auf, im Gegenteil: Nach der Beendigung von «Mare Nostrum» werden noch mehr Migranten nach Europa aufbrechen. Tausende von ihnen werden die Fahrt nicht überleben.

Die Aufnahmebereitschaft der Bürgerinnen und Bürger in den meisten europäischen Ländern mag inzwischen beschränkt sein. Aber wenn Europa schon nicht bereit ist, die Hilfesuchenden und Verfolgten vorübergehend aufzunehmen, dann müsste es wenigstens alles daransetzen, dass die Flüchtlinge ihren Versuch, ins rettende Europa zu gelangen, nicht mit dem Leben bezahlen.

Solange die Ursachen der Flucht in den Herkunftsländern nicht beseitigt sind und das politische Chaos in Libyen anhält, kann dies nur durch die (Wieder-)Aufnahme eines Seerettungsprogramms nach dem Vorbild von «Mare Nostrum» geschehen, ergänzt durch eine rigorose Bekämpfung der Schlepperbanden. Alles andere ist Augenwischerei.

dominik.straub@azmedien.ch

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