Ein Mann mit Rucksack, der in das beliebte Lindt Chocolate Café im Zentrum der Stadt stürmt, eine schwarze Flagge mit weissen arabischen Schriftzeichen am Fenster – das Strickmuster des Terrors funktionierte sofort: Dem Kidnapper war es gelungen, mit möglichst kleinem Einsatz möglichst grosse Wirkung zu erzielen.

Es gibt gute Gründe, Australien im Fokus der Dschihadisten zu sehen: Das Land beteiligt sich mit Luftangriffen am Kampf gegen die IS-Terroristen im Irak. Und erst im September hat der Geheimdienst aufgedeckt, dass Islamisten Passanten auf offener Strasse enthaupten wollten. Kein Wunder also, dass sogleich Gerüchte auftauchten: Der Täter verlange eine IS-Flagge, er habe vier Bomben versteckt. Sollte der IS-Terror das unbekümmerte Australien erreicht haben?

Doch je länger die Geiselnahme dauerte und je mehr Informationen über den iranischen Geiselnehmer bekannt wurden, desto grösser wurden die Zweifel, dass der Mann tatsächlich Beziehungen zu den IS-Terroristen hatte oder gar in ihrem Auftrag handelte. Viel eher dürfte der selbst ernannte Scheich Harun, obwohl überzeugter Islamist, ein Trittbrettfahrer und Einzeltäter gewesen sein. Einer freilich, der genauso krank war im Kopf wie die IS-Dschihadisten. Er hätte unter Beobachtung stehen müssen. Das hat die australische Polizei versäumt. Doch die wahren Motive des Geiselnehmers von Sydney bleiben unklar. Scheich Harun ist – ebenso wie zwei seiner Geiseln – tot.