Meinung

Roulette mit Unglücklichen

Die italienische Marine rettete im Rahmen von «Mare Nostrum» unzählige afrikanische Flüchtlinge. (Archiv)

Die italienische Marine rettete im Rahmen von «Mare Nostrum» unzählige afrikanische Flüchtlinge. (Archiv)

Die Italiener erklären ihre Mittelmeer-Mission «Mare Nostrum» für beendet. Die europäische Grenzschutzorganisation Frontex will nur in Küstennähe patroullieren. Die Meinung zur Neustrategie der EU, im Mittelmeer nicht mehr primär Leute zu retten.

Wir stehen an einem Abgrund. An einer Schlucht mit tobendem Wasser und wollen hinüber. Auf die andere Seite, in die Sicherheit. Uns aber grausts vor den Gefahren, die als Letztes drohen. Der Übergang ist halsbrecherisch, alles prophezeit uns sicheren Untergang und Tod. Zurück können wir nicht mehr.

Da erscheint ein sechzigjähriger Herr mit grau meliertem Haar, grauem Anzug und grauem Brillengestell. In vertrauenswürdigem Akzent weist er uns auf eine Brücke hin. Die «Brücke» ist verlottert, hat kaum mehr Bretter, um darüber zu klettern; sie hängt schief an einem der beiden Tragseile, franst aus ... Wer wäre so verrückt, hier einen Fuss aufzusetzen? Verhöhnt uns etwa der freundliche graue Herr? Nennt er in allem Ernst so etwas «Brücke»?

Ja – er sagte es im Ernst, der grau melierte Herr, sagte es jenseits der Schlucht, ganz auf der sicheren Seite: Thomas de Maizière (CDU), Innenminister Deutschlands, Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Was als Nothilfe gedacht war, sagte de Maizière neulich, «hat sich als Brücke nach Europa erwiesen». Die Nothilfe hiess «Mare Nostrum» und war keine deutsche Idee, sondern ein italienisches Programm, um Schiffbrüchige zu retten.

Die Italiener retteten mehr als 100 000 Menschen aus Seenot im Rahmen von «Mare Nostrum» (unser Meer). Sie taten es aus eigenen Stücken, als alle Welt sich «tief betroffen» zeigte über den Tod von 390 Flüchtlingen am 3. Oktober 2013 vor der Insel Lampedusa. Die europäischen Granden legten wie auf Regieanweisung die Stirn in Falten, sicher, dass die Kummergeste genügte für die Kamera, auch im Wissen um die Betretenheit ihrer Leute gerade bei dem Thema: schlechtes Gewissen bei Bedarf, ansonsten wegschauen und verdrängen. Nur der Papst wurde etwas lauter und nannte das Unglück einen «Skandal». Italien aber handelte, allein.

Italien schickte – auf eigene Rechnung – täglich fast 900 Leute weit hinaus aufs Meer, entsandte Korvetten, Fregatten, Helikopter, Amphibienfahrzeuge, um Schiffbrüchige zu finden. Genau das habe die Wirkung einer «Brücke» gehabt, sagte nun der deutsche Innenminister. Sich in eine Nussschale zu setzen, die schon beim Start überladen war und fast auseinanderbrach, damit übers Wasser zu setzen, mit Halsabschneidern als Lotsen, denen man alles hergeben musste, ausser das ungewisse Schicksal – das soll eine bequeme «Brücke» sein nach Europa?

De Maizières Einschätzung stützen Leute vom Fach (etwa Verantwortliche der europäischen Grenzagentur Frontex); sie wird dadurch aber nicht einleuchtender. Es ist wie bei kollektiven Schuldgefühlen im Kindergarten: Jeder zeigt mit dem Finger auf den Nächsten. Und am Schluss stehen die Schlepper. Sicherlich nicht die Dummen in der Reihe. Aber ebenso sicher nicht die Verursacher, nur die Geier des Elends.

Dass Schlepper die schlimmsten Seelenverkäufer mit wenig Treibstoff und Proviant aufs Meer schickten, weil sie auf den Rettungsfleiss der Italiener zählten, ist ihnen zuzutrauen – dieses perverse Todesroulette mit Unglücklichen.

Aber wäre die neue Strategie der EU denn frei von kaltem Kalkül? Dreimal billiger als die Italiener, will Frontex nur noch in der Nähe der Küsten patrouillieren. Das Gerät muss sie jeweils von den Staaten erbetteln. Das Ganze heisst «Triton» (als Schengen-Mitglied ist auch die Schweiz daran beteiligt).

Der Chef der Frontex, Gil Arias-Fernández, wollte nichts beschönigen: «Frontex ist für die Überwachung der Grenzen zuständig und hat nicht den Auftrag, Flüchtlinge zu retten.»

In anderen Worten: Man schaut, was sich fortan tut auf dem Meer, indem man jetzt mal nicht mehr richtig hinschaut. Und die Italiener, bei «Mare Nostrum» von Europa im Stich gelassen, halten ihre «Pflicht» sowieso für erledigt.

Bei der ganzen Problematik kann es vielleicht keine moralisch über jeden Zweifel erhabenen Lösungsansätze geben. Aber man soll endlich den Schleier der Heuchelei davor lüften!

Jeder in Europa führt einen Lebensstil mit impliziter Abweisung vieler anderer sonst wo in der Welt. Die neue Strategie «Triton» ist, wie die Gestalt aus der Mythologie, weder Mensch noch Tier. Man kann nicht einfach warten, wie die Leute fortan die Schreckensfahrt auf dem Meer überstehen. Die Menschen müssen erfasst, befragt und ihre Gesuche behandelt werden – bevor sie sich überhaupt auf Seelenverkäufer begeben.

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