Kolumne

Ohne Zins wird Sparen doof

Ohne Zins wird Sparen doof, und wenn nur noch die Doofen sparen, kippt Sparsamkeit in Geiz. Meint Ludwig Hasler in seiner Kolumne.

Ohne Zins wird Sparen doof, und wenn nur noch die Doofen sparen, kippt Sparsamkeit in Geiz. Meint Ludwig Hasler in seiner Kolumne.

Lockt kein Zins, lohnt auch der Verzicht nicht. Ohne Zins wird Sparen doof, und wenn nur noch die Doofen sparen, kippt Sparsamkeit in Geiz. Meint Ludwig Hasler in seiner Kolumne.

Als ich jung war, galt: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Früh bekam ich mein Sparbuch bei Raiffeisen, 50 Franken Startkapital, im Januar ging ich rituell zur Bank, der Verwalter trug die Zinsen nach, es gab reichlich, mal vier Prozent, mal gegen fünf gar, aus dem Geld wurde immer mehr Geld. Ich war ein kleines Würstchen, doch eines mit fruchtbar angelegter Zukunft, das Konto wuchs, mit jedem Eintrag kam ich mir mächtiger vor, bald hätte ich ein Velo kaufen können, zwei Crèmeschnitten täglich, ich konnte wählen, ich hätte handeln können, das Sparbuch machte mich frei.

Sparen ohne Zins? Das ist doch etwas für Masochisten

Sparen ohne Zins wäre mir absurd vorgekommen. Der Zins war sozusagen der Lohn von morgen für den Verzicht von heute. Verzicht will belohnt sein, ohne Bonus ist er etwas für Masochisten. Lockt kein Zins, lohnt auch der Verzicht nicht. Ohne Zins wird Sparen doof, und wenn nur noch die Doofen sparen, kippt Sparsamkeit in Geiz. Geiz ist nicht die Extremform des Sparens, sondern dessen Perversion; er vernichtet, was Sparsamkeit ermöglicht: den souveränen Handlungsspielraum. Der Geizige steht dem Verschwender näher, als er glaubt. Beide verlieren ihre Freiheit, weil ihre Gier (des Habens, des Verbrauchens) sie komplett dominiert. Dem Sparsamen ist das Ersparte gar nicht so wichtig, weder zum Horten noch zum Verzehr; er braucht es als Mittel zum Zweck – sozusagen als Depot seiner Freiheit.

Kennen Sie die Fabel von der Grille und der Ameise? Sie zirkuliert meist in der Version von Jean de La Fontaine und geht so: Die Ameise (Prototyp aller Vorsorger) verkneift sich jeden Appetit auf Konsum und Spass, sie rackert unermüdlich, schafft Nahrung an, stets die gesicherte Zukunft ihres Clans vor Augen. Die Grille (Prototyp aller Luftikusse) musiziert den lieben langen Sommer hindurch, und als der Winter einbricht, will sie von der Ameise etwas Nahrung borgen. Die fragt: «Wie brachtest du den Sommer hin?» «Ich hab Tag und Nacht mit Singen mich ergötzt.» «Du hast Musik gemacht? Wie hübsch! So tanze jetzt!»

Zwei Typen, zwei Lebensweisen, dutzendfach porträtiert, in Romanen durchgespielt als das Dilemma von Bürger und Künstler, von Ökonomie und Gegenwartslust, von Sparsamkeit und Verschwendung. Zum bürgerlichen Status gehört Sparsamkeit – nicht als Zutat, sondern als Überlebensreserve. Anders als einst der Adel, der kraft Geburt (Grundbesitz) jemand ist, ist der Bürger, was er leistet. Er muss mit seinen Einkünften haushalten, sie sind nicht (wie Ernte, wie Zehnten) periodisch erneuerbar; Sparsamkeit ist Bürgerpflicht. So will es die Ökonomie: damit der Bürger seine Leistung steigern, also investieren kann. Und so will es die Sitte: damit der Bürger noch in den Wechselfällen des Schicksals ein souveränes Ich bleibe, ein freier Akteur mit Verantwortung.

Anstatt sich zu mehren, saniert unser Bankguthaben Staatshaushalte

Gehört das jetzt in die Mottenkiste der Geschichte? Notenbanken schwemmen die Finanzmärkte mit Billiggeld praktisch zum Nullzins. Der Sparer wird der Dumme. Wie soll er fürs Alter vorsorgen, wenn seine Bankguthaben wie zinslose Darlehen missbraucht werden, um marode Staatshaushalte zu sanieren? Als erstes EU-Land führte Spanien gar eine Steuer auf Bankeinlagen ein. Alle Kontoinhaber, egal ob arm oder reich, sollen beitragen, die Staatsschulden abzutragen. Eine Art staatlicher Banküberfall, dreister noch als die Vermögenssteuer, die denselben Ersparniswert jedes Jahr aufs Neue belastet, im Zweifel so lange, bis davon nichts mehr übrig bleibt. Man weiss nicht mehr so recht: Ist das noch Besteuerung – oder schon Enteignung?

Jedenfalls erkennt sich der Sparer allmählich als anachronistische Ameise: Gönnt sich nichts – und verbraucht sein Vermögen dement im Pflegeheim. Zeitgemässe Lebenskunst bevorzugt die Grillenart: Die bringt ihr Alterskapital durch, solange sie Kraft und Lust dazu hat; in ihren alten teuren Tagen wird die Gesellschaft sie schon durchfüttern. Der Preis wird sein: noch mehr wohlorganisierte Verantwortungslosigkeit. Wenn wir nicht die Dummen sein wollen und uns das zinslose Sparen ersparen, dann muss der Staat wohl dran – damit das nicht wirklich dumm herauskommt.

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