Migrationsdebatte

Nüchtern diskutieren auf der Basis von Fakten

Wie weiter in der Migratinsfrage?

Wie weiter in der Migratinsfrage?

Weder totale Abschottung noch grenzenlose Aufnahme sind die Lösung in der Migrationsfrage.

Wie auf die Migration reagieren? In kaum einem Gespräch, ob im beruflichen Umfeld oder privaten Kreis, kommt dieses Thema derzeit nicht zur Sprache. Wer wissen möchte, wie er das, was geschieht, einordnen soll, dem sei die Lektüre von Paul Colliers Buch «Exodus»* empfohlen. Der renommierte Entwicklungsökonom aus Oxford, selbst ein Nachkomme von Einwanderern, war Forschungschef der Weltbank und hat sich intensiv mit den ökonomischen Bedingungen der «untersten Milliarde» beschäftigt. Auf diesem Fundament wagte er sich an das heikle Thema und legte dieses solide und äusserst lesenswerte Buch vor. Es hilft nicht nur, die derzeitigen Geschehnisse nachzuvollziehen, sondern auch seine eigene Reaktion darauf in klarem Licht zu sehen.

Gleich zu Beginn macht Collier klar: Erstens ist Migration kein ökonomisches, sondern ein soziales Phänomen, weil die sozialen Folgen grösser sind als die ökonomischen. Zweitens sind weder totale Abschottung noch grenzenlose Aufnahme und Hilfe das richtige Rezept. Und drittens ist Migration nicht gut oder schlecht; vielmehr geht es um das Wieviel. Eine faktenbasierte Migrationspolitik sei daher wichtiger denn je.

Jede Migration schafft Auslandsgemeinden

Collier betrachtet die Migration aus drei Blickwinkeln: aus dem der Aufnahmeländer, dem der Herkunftsländer und dem der Migranten selbst. Die Aufnahmeländer sind – und das macht sie ja gerade attraktiv – wohlhabend und prosperierend. Der Grund für diese Prosperität liegt, das haben andere Studien ausführlich dargelegt, primär in den sozialen und politischen Institutionen, die sie über Generationen geschaffen haben. Dazu zählen Vertrauen und Kooperation, beispielsweise im geschäftlichen Austausch, gemeinsame moralische Standards, vom täglichen Umgang bis zur Arbeitsmoral, oder auch die Bereitschaft, darauf basierend eine gewisse Umverteilung zu leisten. Jede Migration schafft Auslandsgemeinden. Entscheidend ist nun, wie viele Migrantinnen und Migranten in welchem Zeitraum in die Mehrheitsgesellschaft dieser Länder integriert werden können. Geschieht dies in ungenügendem Masse, wächst die Auslandsgemeinde – und zieht damit noch weitere Migranten an, was die Integration noch einmal erschwert. Das Resultat sind separierte Gesellschaften, in denen gemeinsame Standards immer schwieriger durchzusetzen sind.

Für die Migranten selbst ist die Kluft zwischen ihren Einkommensmöglichkeiten zu Hause und im Zielland der wichtigste Grund für den Aufbruch in ein anderes Land. Hinzu kommen Kriege und andere Konflikte, die ein friedliches Zusammenleben unmöglich machen. Die Herkunftsländer ihrerseits leiden unter dieser Abwanderung, weil meist die Besten gehen. Sie fehlen im Herkunftsland für den Aufbau nicht nur der Wirtschaft, sondern auch eines funktionierenden Sozialmodells – also dessen, was in den Aufnahmeländern funktioniert. Auf sehr lange Sicht kann es möglich sein, die Einkommenskluft zu überwinden. Da jedoch nur wenige der Auswanderer in ihr Herkunftsland zurückgehen, wird diese Kluft auf absehbare Zeit bestehen bleiben.

Weder totale Abschottung noch grenzenlose Aufnahme

Letztlich setzt Collier auf eine kluge Kombination von Legalisierung, Auswahl, Integration und Obergrenze, wobei er eine Einwanderung in den Arbeitsmarkt – wie sie beispielsweise die Personenfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union vorsieht – und auch eine Migration zu Bildungszwecken ausdrücklich begrüsst. Hingegen darf das Nachzugsrecht, so heikel diese Frage selbst für Collier ist, zumindest differenziert werden – auch, um den Migranten Anreize zu geben, in ihr Herkunftsland zurückzukehren und ihr Einkommen und Wissen dort zu investieren.

Collier selbst bedauert, dass sich sein eigentlich nüchternes Buch für Polarisierung und Moralisierung eignet. Dennoch lautet seine eindringliche Empfehlung: Weder die totale Abschottung noch die grenzenlose Aufnahme sind ein Rezept für die Bewältigung der Herausforderung. Stattdessen gilt es, auf der Basis von Fakten eine nüchterne Beurteilung vorzunehmen und eine glaubwürdige Migrationspolitik einzuleiten. Angesichts der gegenwärtigen Situation bedarf es ebenso klugen wie entschiedenen und vor allem auch koordinierten Handelns zwischen nationaler, europäischer und internationaler Ebene.

* Paul Collier: Exodus – Warum wir Einwanderung neu regeln müssen. Siedler Verlag 2014.

Katja Gentinetta Die promovierte Philosophin berät Unternehmen in gesellschaftspolitischen Fragen. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität St. Gallen und und moderierte bis Ende 2014 die «Sternstunde Philosophie» am Schweizer Fernsehen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1