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Nach Huonders Homo-Schelte: Zurück in die Wüste?

Schiesst erst gegen Homosexuelle und versucht sich danach zu erklären: Bischof Vitus Huonder (Archivbild)

Schiesst erst gegen Homosexuelle und versucht sich danach zu erklären: Bischof Vitus Huonder (Archivbild)

Der Churer Bischof Vitus Huonder hat in einem Vortrag die Homosexuellen mit Bibelzitaten vor den Kopf gestossen und machte danach einen Rückzieher. Das Problem dabei: Mit Bibelzitaten liesse sich allerlei belegen.

Der Churer Bischof Vitus Huonder argumentiert wenig zimperlich gegen Homosexualität und für das katholische Ehemodell. Am Forum «Freude am Glauben» im deutschen Fulda zitierte er letzten Freitag eine Stelle aus dem dritten Buch Mose: «Und wenn jemand mit einem Mann schläft, wie man mit einer Frau schläft, so haben sie einen Greuel verübt. Sie müssen getötet werden, auf ihnen lastet Blutschuld» (Leviticus 20, 13). Leviticus 18, 22 nimmt das Verbot wörtlich vorweg – allerdings ohne die Todesdrohung. «Die beiden Stellen allein würden genügen», sagte der Bischof, «um der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben.» Die Anwesenden sollen darauf mit Applaus reagiert haben.

Später will es Huonder dann «nicht so gemeint» haben und verwies auf den Katechismus. Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) teilte auf Anfrage der Schweizerischen Depeschenagentur mit, man äussere sich nicht zu Aussagen einzelner Bischöfe. Für die Haltung der SBK verbindlich zum Thema Homosexualität sei der Katechismus. Gemäss diesem sind «homosexuelle Handlungen in keinem Fall zu billigen». Homosexuelle hätten ihre Veranlagung nicht selbst gewählt, für die meisten stelle sie eine Prüfung dar, heisst es weiter. Homosexuellen sei «mit Achtung, Mitleid und Takt» zu begegnen. «Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen.»

Es geht um Schuld

Nun kann man einfach die ganze Bibel als «Gottes Wort» annehmen und damit alles Mögliche belegen. Stellen gibt es genug.

Man kann auch differenzierter hinsehen. Das dritte Buch Mose, der sogenannte Leviticus, steht in der Mose-Erzählung an dritter Stelle nach Genesis und Exodus. Erzählt wird dort nicht viel. Es handelt sich um eine Gesetzessammlung, entstanden wohl im Babylonischen Exil (597 bis 539 vor Christus). Situiert in der Mose-Erzählung ist das Buch so, dass sich das Volk Israel immer noch in der Wüste Sinai befindet. Das Heilige Land ist noch nicht zugänglich, denn das Volk hat das Goldene Kalb angebetet und muss jetzt deswegen 40 Jahre in der Wüste herumirren.

Die Geschichte des Alten Testaments ist so interessant wie spekulativ. Aber wichtig im dritten Buch Mose ist das Wort «heilig» und im Zusammenhang damit die rituellen Vorschriften zu «Reinigung» und «Reinheit». Es geht ums Opfer und andere Praktiken.

Das Volk im Exil, der Tempel zerstört – die historische Mission ist gefährdet. Da überrascht nicht, dass man nach Ursachen für die Misere sucht. Der alttestamentliche Argumentationsgang ist in der Regel der, dass das Volk «abgefallen» ist vom rechten Glauben, meistens ist damit gemeint, dass man die Ab- und Vielgötterei der Nachbarsvölker übernommen hat. Und das Elend ist die Strafe Gottes, damit das Volk wieder auf den rechten Weg kommt.

Die Strafen des Gesetzes müssen dann auch streng genug sein. Wen das an die Argumentationsgepflogenheiten der heutigen islamistischen Fundamentalisten erinnert, dürfte nicht allzu falsch liegen.

Vielleicht kennt Bischof Huonder auch 2. Kor. 3, 6, wo Paulus schreibt: «Ihr seid erkennbar als ein Brief Christi, (...) geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern auf andere Tafeln: in Herzen aus Fleisch.» Ihr seid «Diener des neuen Bundes», schreibt Paulus weiter, «nicht des Buchstabens sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.»

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