Katholische Kirche

Lasst doch die Leute in Ruhe

«Männlein und Weiblein und ein paar Kindlein», so würden es die Würdenträger der katholischen Kirche mit der Familie gerne weiterhin halten.

Die Würdenträger der allein seligmachenden katholischen Kirche würden es mit der Familie am liebsten so halten, wie es ihrer Ansicht nach «immer war»: Männlein und Weiblein und ein paar Kindlein. Und die Eltern brav verheiratet, fürs Leben versteht sich, und nicht scheidbar.

Ob dergleichen in der Heiligen Schrift steht, interessiert dabei nicht sehr. Man kann sehr wohl ein paar Stellen zusammenklauben, dass es passt. Besonders aus den Paulinischen Briefen, jenen Dokumenten aus dem Neuen Testament, die den Stempel der Tendenz ziemlich offen tragen.

Die bei der Abfassung verfolgte Absicht, das ist bei Briefen naturgemäss so, ist mit Händen zu greifen. Und von Paulus wurden ohnehin die wenigsten – einige behaupten auch: keine – selbst verfasst.

Und wenn es denn noch Lücken gibt, in der Untermauerung dieses schönen Familienbildes, dann bieten immer noch die Bücher Mose eine reiche Fundgrube. Der Pentateuch lässt auch christliche Moraltheologen und -apostel kaum im Stich.

Wenn das Leben allen Doktrinen davongelaufen ist

Dagegen wäre nicht viel einzuwenden, ehrwürdige Institutionen tendieren zu Konservativismus und möchten möglichst bleiben, wie sie sind. Allerdings sehen das ihre Schäfchen zum Teil etwas anders. «Familie» wird nicht mehr als Menge mit den bekannten Elementen definiert, sondern eher als Beziehung zwischen Generationen.

«Familie» ist dann eine Organisation, die sich der Aufzucht des Nachwuchses widmet. Wie das dann zustande kommt, hängt von anderen Umständen ab. Ob sich die erzeugenden Männlein und Weiblein noch mögen, zum Beispiel. Manchmal passt sogar die sexuelle Orientierung nicht mehr ins Schema.

Es sind nicht zufällige Aberrationen, sondern in der Regel durchaus zweckmässige Varianten. Wenn es um die Kinder geht und ihr Wohl, ist die katholische Formel auf jeden Fall schon längst nicht mehr allein seligmachend.

Wenn man jetzt sagt: Es ist entscheidend, dass es funktioniert, nicht, dass es passt – dann wird man von den Menschen weniger Widerspruch ernten. Und von den Würdenträgern? Es steht zu vermuten, dass sie eher die verlorene Definitionsmacht stört als die veränderten Umstände.

Die Zeiten sind noch nicht so lange vorbei, in denen der katholische Mensch sein Leben in Angst und Zittern vor Verdammnis und Hölle verbrachte. Das Seelenheil zu verlieren, war die grösste Strafe, die sich überhaupt denken liess.

Wie man zum Seelenheil kommt, sagte die Mannschaft aus Rom. Wenn man grossmütig ist, verfuhr sie dabei nicht bösartig-heimtückisch (auch wenn man diesen Eindruck manchmal bekommt), sondern halt so, wie «man» es immer gehalten hatte. Sünde bleibt Sünde, in ihr darf man einfach nicht leben.

Mit dieser Praxis hat die allein seligmachende Institution weitergemacht, auch wenn die Schäfchen das mehrheitlich nicht mehr so eng sehen. Wobei diesen eher der Zusammenhang entglitten ist zwischen katholischer Lebensführung und Seelenheil.

Letzteres brauchen sie nicht anzuzweifeln, das wäre auch ein theologisch grosser Aufwand. Oder wenn man Protestant ist: Die Kirche hat ihre Macht verloren, den Menschen en détail vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Wenn es daraus eine vernünftige Folgerung zu ziehen gibt, dann die: Dann soll sie sie deswegen in Ruhe lassen. Wie Franziskus es vormacht: Wider die Sünde, für den Sünder.

«Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt»?

Heisst das jetzt, dass für die Kirche – und die Sünder – alles verloren ist? Nein, keineswegs. Und es ist auch nicht so, dass sich die philosophische Erkenntnis durchgesetzt hätte, wonach der Wille Gottes in der Tat unerkennbar – oder nicht unterscheidbar von der Stimme des Gewissens wäre. Eher hat sich eine alte Tatsache wieder Raum verschafft, eine Selbstverständlichkeit aus der Geschichte des Urchristentums.

Der Historiker Paul Veyne beschreibt den Unterschied zwischen dem Heidenglauben und dem der Christen so: «Ein Heide war zufrieden mit seinen Göttern, wenn sie seine Gelübde und Gebete erhörten und ihm Hilfe gewährten; ein Christ hingegen war eher darum bemüht, dass sein Gott mit ihm zufrieden war.» Es gibt Raum für die individuelle Lebensführung, nicht der Buchstabe entscheidet, sondern ob die Beziehung zwischen dem Gläubigen und Gott stimmt. Und diesen Akkord hört man im Herzen, nicht von der Kanzel.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1