Im Normalfall entstehen Kinder einfach und unkompliziert. Doch die Ausnahmen häufen sich: Jedes sechste Paar kann auf natürlichem Weg keine Kinder kriegen. Jährlich versuchen rund 6000 Frauen, mittels künstlicher Befruchtung schwanger zu werden. Tendenz steigend. Doch auch eine In-vitro-Fertilisation garantiert den Erfolg nicht. Ein Grund, wieso es nach der Zeugung im Reagenzglas häufig zu Fehlgeburten kommt, besteht darin, dass den Frauen auch beschädigte Embryonen eingepflanzt werden. 

Dahinter steckt keine böse Absicht, dahinter steckt die schweizerische Rechtslage. Sie gibt vor, dass nur so viele Eizellen befruchtet und entwickelt werden dürfen, wie der Frau sofort eingesetzt werden können. Laut dem Gesetz sind das drei. Das führt nicht nur häufiger als unter normalen Umständen zu heiklen Mehrlingsschwangerschaften, es führt oft auch zu Misserfolgen: Laut Statistik ist nur knapp jeder vierte Embryo überlebensfähig. Wird er trotzdem in den Mutterleib eingepflanzt, kann er sich entweder nicht entwickeln oder es kommt zu einer Fehlgeburt.

Das Parlament will unfruchtbaren Paaren helfen, ihren Kinderwunsch zu erfüllen, und deshalb das Gesetz ändern: Den Ärzten wird gestattet, mehr Eizellen zu entwickeln – und zwar so viele, dass wenigstens eine davon zu einer Schwangerschaft führt. Um den Erfolg tatsächlich zu erhöhen, müssten die Embryonen zuerst getestet werden. Nur ist das in der Schweiz verboten.

Gegner wollen verhindern, dass Ärzte «Gott spielen»

Die Bevölkerung muss deshalb darüber abstimmen, ob mehr Embryonen entwickelt und diese auch getestet werden dürfen. Eine Minderheit des Parlaments will die Präimplantationsdiagnostik (PID) weiterhin verbieten. Der Grund: Sie greife in den natürlichen Prozess der Zeugung ein. Die Gegner wollen verhindern, dass Ärzte «Gott spielen» und entscheiden, welcher Embryo ein Leben verdient hat und welcher nicht. Ausserdem fürchten sie die angeblichen Folgen: Designerbabys (das heisst Babys, die aus einem nach genetischen Merkmalen ausgewählten Embryo entstanden sind) – und Mediziner, die keine Grenzen mehr kennen.

Diese Angst ist unbegründet. In der Verfassung steht klipp und klar: PID dürfe nur dann angewandt werden, «wenn die Unfruchtbarkeit oder die Gefahr der Übertragung einer schweren Krankheit nicht anders behoben werden kann, nicht aber, um beim Kind bestimmte Eigenschaften herbeizuführen oder um Forschung zu betreiben». Mit anderen Worten: Kinder nach Mass sind und bleiben verboten. Der Medizin sind enge Grenzen gesetzt. Für eine weitere Öffnung müsste die Verfassung geändert werden: Eine neue Volksabstimmung ist in dem Fall zwingend.

Es geht nicht darum, alles zuzulassen, was heute möglich ist

Abgesehen davon, dass das Verfahren der PID aufwendig, belastend und teuer ist, bleibt es für die meisten Paare verboten. So dürfen neben nachweislich unfruchtbaren Paaren nur Paare mit einer schweren Erbkrankheit die Tests machen. Das ist gut so. Denn wer eine schwere Krankheit nicht an seinen Nachwuchs vererben will, hat heute die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder auf Kinder verzichten, sich im Ausland behandeln lassen oder schwanger werden und es draufankommen lassen, ob das Kind krank sein wird. Im dritten Monat der Schwangerschaft sind Erbkrankheiten mittels Pränataldiagnostik (PND) erkennbar. Weist der Fötus die Krankheit auf, folgt meist ein Abbruch.

Ist es ethisch zulässig, einer Frau eine Abtreibung zuzumuten, wenn diese durch Tests vor der Schwangerschaft verhindert werden kann? Bei der Abstimmung geht es also nicht darum, alles zuzulassen, was dank der Medizin heute möglich ist. Die Grenzen sind gesteckt. Es geht darum, den Eltern – vor allem Frauen – viel Leid zu ersparen. Deshalb empfehlen wir den «Bundesbeschluss über die Änderung der Verfassungsbestimmung zur Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie im Humanbereich» zur Annahme.

anna.wanner@azmedien.ch